Secretul medalionului

Secretul medalionului. (Geheimnis des Medaillons) – Roman, rumänisch.

 

M. M. Binder - Scholten

 

                             Karin Andersens Geheimnis

 

                                       Roman

 

                                    Karlsruhe 2004

 

Kap. I

Die Begegnung

 

Wie ein riesengroßer Teppich dehnte sich der Wald immer weiter aus. So weit das Auge reichen konnte, ein grünes Meer.

Durch die Weiten des Waldes voller Gefahren irrte einsam, wie ein von der Treibjagd verschrecktes Reh, eine flüchtige junge Frau. Sie war seit längerer Zeit unterwegs, viel länger als sie es erwartet hatte. Plötzlich, als sie sehr nahe an das heiß ersehnte Ziel herangekommen war, schien es als würden auch ihre letzten Kräfte sie verlassen.

   Aus seinem Mittagsschlaf aufgewacht, erfaßte Eol die Weiten des Waldes mit einem riesigen Hauch und bewegte sie in sanften Wellen vor sich hin. Das Rauschen der unzähligen Blätter erzeugte dabei zauberhafte Harmonien, die auch von einer geübten Feder schwer zu beschreiben sind, aber für die Vögel des Waldes waren diese herrlichen Melodien etwas Selbstverständliches. Mit Lust und Freude ließen sie sich von dieser natürlichen Sinfonie hinreißen und stimmten mit Pfeifen und Trillern ein. Auf einmal wurde das von Mutter Natur dargebotene Konzert zu einer riesigen Vorstellung.

   Selbst Eol, erfaßt von tiefen Emotionen, blies in demselben Rhythmus, weil er sich fürchtete dieses wunderbare Konzert zu trüben. In diesem märchenhaften Schaukeln, wie auf einem riesigen Unterhaltungsball, wurde der Wald von einem geheimnisvollen tiefen Frieden erfaßt.

Die Menschen aus den Wäldern waren sehr überrascht von diesem tiefen Frieden, denn sie waren während der Kriegszeit, von Angst und Schrecken, hin und her gerissen worden. Viele hatten ihren Glauben an einen wirklichen Frieden verloren! Nun aber horchten sie verwundert auf und dachten: „O, Gott, wie lange hält der Frieden an?“

   Sie trauten sich kaum dieses Heilige Wort auszusprechen, weil sie den Frieden schon seit mehreren Jahren vermißten. In ihrer Verwirrung konnten sie es nicht fassen, daß dieser Sommeranfang kein üblicher war. Im Gegenteil! Es war ein außergewöhnlicher! Denn es war der erste Monat des Friedens, den die ganze Welt seit fast sieben Jahren mit bangem Herzen erwartete. Es war der Juni des Jahres 1945 – Die erste Sommersonnenwende einer neuen Ära!

   Wenn die verrußten Kanonen schweigen, dann keimt wieder grün an dürren Zweigen: sie gedeihen, blühen, tragen Früchte und der Herbst bringt wieder Freude für Natur und Mensch. Die Glocken erklingen wieder aus ihren neu erbauten Türmen. Daß sie wiedererweckt heimkehrten, macht sie vor Freude heller erklingen. Die Kanone wurde wieder zur Glocke und nun erklingt sie von dort oben in himmlischen Harmonien und mahnt in Moll und Dur: „Ihr Christen habt euch wie Brüder! Begrabt das Kriegsbeil, lauscht dem Ruf der Glocken, denn sie läuten den Frieden ein.“

   Doch in ihrer tiefen Verwirrung, hervorgerufen von der zu lang anhaltenden Übermüdung, die schon ans Limit grenzte, bemerkte die bedauernswerte junge Frau nichts von der Erhabenheit der sie umgebenden Natur. Sie war physisch und psychisch zu erschöpft, denn sie befand sich in einem harten Kampf mit sich selbst und dieser lang währende Kampf verzehrte ihre letzten Kräfte!

   In dem Augenblick als sich die Sonne dem Untergang zu neigte und lange Schatten über die grüne Waldwiese warf, welche wie eine rettende Oase plötzlich vor ihr stand, da hielt die Flüchtige inne. Sie war ratlos! Seit mehreren Tagen irrte sie hin und her in den unendlichen Weiten des Waldes zwischen Thüringen und Bayern, wie in einem grünen Meer. Auf der Suche nach einem rettenden Weg der sie nach Bayern führen sollte, hatte sie umsonst ihre Kräfte vergeudet. Als sie am Waldrand inne hielt, fühlte sie sich ganz ausgelaugt. Besorgt dachte sie: „Mein Gott, wohin soll ich mich wenden?“

   Auf der langen Flucht von „ Drüben“, wurde die junge Frau von den vielen dramatisch-bedrohlichen Erlebnissen stark geprägt, denn diese waren alle von aufregenden Gefühlen begleitet, die bei jedem Menschen tiefe Spuren hinterlassen, um so mehr bei einem so jungen Menschen. Sie machte sich auf diesen langen Weg mit dem brennenden Wunsch nach Bayern, ihrem Vaterland, zu gelangen. Aber auf der ständigen Suche nach dem Weg, der sie hin führen konnte verlängerte sich ihre Flucht. Doch sie war stets überzeugt, daß nur dort die Freiheit auf sie wartete.

   Auf ihren vielen Irrwegen durch die Weiten des grünen Waldes bemerkte die Flüchtige nicht, daß sie sich in einer gefährlichen Gegend, stets im Kreis drehte. Sie befand sich gerade im „Niemandsland“ zwischen Bayern und Thüringen, welches der Sowjetzone zugeteilt worden war.

Deutschlands Einst so schönes Gewand wurde in vier geteilt!

Die junge Frau, bedrückt von der Einsamkeit und Monotonie des endlosen Waldes, spürte plötzlich, daß ein hypnotischer Zauber ihr Gemüt bedrohte. Ihre ganze Willenskraft, das Orientierungsgefühl und ihr Selbstvertrauen waren in unmittelbarer Gefahr. Sie war sich bewußt, daß sie dieses Schwächegefühl eilends abschütteln mußte, aber sie war zu erschöpft. Ihr ausgelaugter Körper verlangte nach Schlaf, einem langen, sehr langen Schlaf!

   Während der langen Flucht wurde ihre Müdigkeit immer bedrohlicher, sie war auf einmal ganz verwirrt. Die Angst erfaßte sie! Es war eine schmerzlich bedrückende Angst, die mit der Müdigkeit wuchs. Gleichzeitig steigerte sie auch die psychische Spannung! Sie geriet in Panik und ein Stoßgebet kam über ihre Lippen: „Mein Gott, was soll ich tun?“ und auf einmal spürte sie wie ein tiefes Vertrauen auf Gott und ihre eigenen Kräfte sie erfüllte.

   Um sich selbst zu trösten sagte sie: „Begonnen habe ich diesen langen Weg mit viel Mut und jetzt, so nahe am Ziel, soll ich aufgeben? Nein und tausendmal nein! Ich lasse mich von all den Widrigkeiten nicht überwältigen. Das Vertrauen auf Gott und meine eigenen Kräfte darf ich nicht aufgeben!“

   Die Flüchtige war noch jung und trotzdem hatte sie ihren starken Willen, den sie von ihren Urahnen den Wikingern geerbt hatte, oft zeigen und unter Beweis stellen müssen. Mit geballter Willenskraft sagte sie im Vertrauen: „Die Hoffnung stirbt zu letzt...!“

   Ohne es zu ahnen war die junge Frau am Ende eines langen gefahrvollen Weges angekommen. Als sie an der rettenden Lichtung inne hielt, wurde ihr auf einmal bewußt, daß sie nicht mehr weiter gehen konnte. Sie hatte nur noch einen heiß ersehnten Wunsch: „Mein Gott, hilf mir wenigstens ein paar Schritte über die Grenze hinweg zu schreiten!“ Sie war fest davon überzeugt, daß sie in Bayern die viel ersehnte Freiheit und Sicherheit finden würde.

   In ihren wirren Träumen, erzeugt von dem innigen Sehnen nach Freiheit und Geborgenheit, und der während ihrer langen Flucht angesammelten Müdigkeit, hatte sie ständig ein dicke Linie vor Augen, die nach ihrer Meinung die Grenze darstellte. In ihrer Pein flehte sie zu Gott, ihr zu helfen diese Linie zu überschreiten, dann wäre sie gerettet. Während ihrer Flucht, die sich über Erwarten hinauszögerte, betete die junge Frau, in der riesigen Kathedrale des Waldes, unterm blauen Himmelszelt, zu Gott. Und siehe bis zuletzt wurde ihr festes Vertrauen auf Gotteshilfe belohnt und ihr heißes Flehen wurde erhört.

Doch das Schicksal in welches sie ihr volles Vertrauen gesetzt hatte, ging diesmal noch weiter. Es ermöglichte ihr eine unerwartete Begegnung...

   Es sollte noch eine geraume Zeit vergehen zwischen dieser Begegnung, die in sonderbaren Umständen stattfand, bis die Flüchtige diese mit vollem Bewußtsein wahrnehmen konnte. Ihre Leiden waren noch lange nicht zu Ende. Sie sollte noch hart geprüft werden!

   Schon während ihrer Kindheit, insbesondere in ihrer Backfisch Zeit, wie auch in der Zeit der Adoleszenz, führte die junge Frau ein sehr bewegtes Leben, sie war eines der vielen Opfer des Krieges, wie so manche junge Menschen aus der Zeit. All diese dramatischen Erlebnisse, begleitet von Angst und tiefgreifenden Gefühlen, hinterließen schmerzliche Spuren in ihrer Erinnerung, wie auch in ihrer wunden Seele. Diese gruben sich tief ein in ihr Gedächtnis, blieben unvergeßlich, eben weil sie in der Zeit des Grauens und der Unsicherheit entstanden waren. Die flüchtige junge Frau lernte schon frühzeitig den bitteren Geschmack der Frustration kennen.

   Die Komplexität dieser Spuren, begleitet von tiefen physischen und psychischen Qualen durch die sie das Schicksal führte, kamen auch in späteren Jahren, in aufregender Form zum Ausbruch, insbesondere dann, wenn sie körperlich erschöpft war oder unter emotionalem Schock stand. Aber in dem Moment ihrer sonderbaren Begegnung, mit dem jungen Baron, Felix von Hohenfels, war ihre Erschöpfung nicht allein die Ursache, welche diese Begegnung trübte. Nein! Sie paarte sich mit den Qualen, die ihr die lange Zeit unbehandelten, wund geriebenen Füße verursachten. Auf einmal waren die Schmerzen unerträglich! Kaum waren sie einander begegnet, da wurde die Flüchtige ganz blaß und brach zusammen...

Rex, der deutsche Schäferhund des jungen Barons, hatte einen besonderen und dazu geschulten Geruchssinn. Als gut ausgebildeter Jäger war er stets ein treuer Begleiter seines Herrn und folgte ihm aufs Wort. Ausgebildet als Spürhund, hatte er die Stelle, im Heuschober, wo sich die flüchtige junge Frau versteckt hatte entdeckt. Er bellte laut, aber freundlich und versuchte die „Beute“ hervorzuziehen.

   Während sie auf allen Vieren aus ihrem Versteck kroch, versuchte sie die Heublumen aus Haaren und Kleidern zu schütteln, dann richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Sie wußte nicht wo sie sich befand! Aber sie war nicht verängstigt. Rex gab ihr keine Ruhe, plötzlich stand er neben ihr und leckte ihre Hände, wie einer alten Freundin. Mit freudigem Gebell riß er sie aus ihrer Verwirrung. Doch als sie sich ihm zuwendete, blickte sie in das Gesicht eines jungen Mannes der dicht vor ihr stand. Sie war selbst überrascht, daß diese seltsame Begegnung sie nicht einschüchterte!

   Im Gegenteil! Sie schaute ihn offen und ohne Furcht an. Es war ein junger Mann bis Dreißig, hochgewachsen, mit blauen Augen, hellblonden Haaren und trug Förster Bekleidung für höheres Personal. Auf einmal loderten wohlwollende goldene Reflexe in ihren Rehaugen und durch ihre Sinne zuckte es wie ein Blitz: „Soll diese Begegnung vielleicht ein glückliches Omen meiner Befreiung sein?“

   Rex drehte sich um beide im Kreis herum und bellte laut vor Freude als wolle er sagen: „Siehst du, mein Herr, was für ein prächtiges Mädchen ich gefunden habe?“ Dann setzte er sich wieder neben die flüchtige junge Frau und leckte ihr wiederholt die Hände. Den jungen Baron überraschte es sehr, daß sein Hund sich einer stockfremden Frau gegenüber so gebärdete, denn üblicher Weise war er Fremden gegenüber zurückhaltender. Was sollte das bedeuten?

   Den Gebärden seines vierbeinigen Freundes folgend, sah auch er dem Mädchen besser in die Augen. Ihn überraschte ihr hoher Wuchs, die langen blonden Haare mit rötlichem Schimmer, die bis zur Taille vielen, die braunen Rehaugen mit ihrem goldenen Reflexen, dann betrachtete er sie noch näher: Das ovale Gesicht mit roten Wangen, die hoch gewölbte Stirn, die schön geformte Nase, der sinnliche und dennoch feste Mund unterstützt von einem willensstarken Kinn, alles zusammen machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Sie gefiel ihm!

   Und dennoch konnte er sich eines quälenden Gedankens, der ihn auf einmal befallen hatte, nicht erwehren. Er war geradezu verblüfft über diese sonderbare Begegnung: „Wie konnte dieses junge schöne Mädchen, ganz alleine bis hierher gelangen?“ - Doch bevor er dieses Mädchen, das auf einmal wie aus dem Nichts, vor ihm erschienen war etwas fragen konnte, lächelte sie unschuldig und sagte schlicht. „Ich bin Karin Ellen Andersen und komme „von Drüben...!“

   Plötzlich heulte Rex schreckhaft auf! Er warnte auf seine Art vor einem bevorstehenden Unglück. Als der junge Baron diese Warnung verstanden hatte, umfaßte er Karin mit seinen starken Armen bevor sie hinfallen konnte. Der junge Baron und sein vierbeiniger Freund waren ein gut eingespieltes Team. Ihre gemeinsamen Erlebnisse hatten ihnen immer wieder bewiesen, daß sie sich einer auf den anderen auch in gefährlichen Situationen verlassen konnten.

   Von diesem schaurigen aufheulen wechselte Rex in ein noch herzergreifenderes Wimmern. Während sein Herr Karin zur Jagdhütte trug, die sich hinter dem Heuschober befand, umkreiste er ihn mit eingezogenem Schweif. In der Jagdhütte legte der junge Baron sie behutsam auf die Holzpritsche und schaute sie ratlos an. Was sollte er tun? Karin brauchte eilige Hilfe!

   Aber auch diesmal war es Rex der seinen Herrn aus der Fassungslosigkeit riß, mit seinem hochentwickelten Geruchsinn, der den des Menschen um vieles übertraf, entdeckte er den Grund, der ihr so große Schmerzen verursachte. Er setzte sich an das Fußende der Holzpritsche und heulte traurig, dann wimmerte er noch trauriger und leckte seine Pfoten. Plötzlich bemerkte sein Herr die blutigen Sohlen ihrer Wanderschuhe und verstand was der Hund im zeigen wollte. Ihn packte das Grauen, denn ihre Lage war viel ernster, als man auf den ersten Blick erwarten konnte.

   Wie das bei jedem Jäger üblich ist, kannte auch der junge Baron die Grundregeln für die Leistungen der ersten Hilfe, aber in diesem Fall waren solche Kenntnisse viel zu gering. Karin brauchte dringend ärztliche Hilfe! Er wunderte sich sehr, daß sie noch nicht an Blutvergiftung erkrankt war. Die Zeit drängte! Um weitere Schmerzen zu vermeiden, schnitt er mit seinem Jagdmesser die viel verknoteten Schuhsenkel auf und zog die Schuhe behutsam aus, aber die verkrusteten – und mit Blut verklebten Strümpfe machten ihm Sorgen. Bis zu letzt, durchnässte er sie gut und schnitt auch diese auf. Ihre wund geriebenen Füße sahen schrecklich aus. An mehreren Stellen waren diese fast bis zum Knochen eingedrungen und die Wunden eiterten.

   Der junge Baron hatte genug gesehen, jetzt mußte er handeln. Bei so mancher Treibjagd, wie auch beim Holzfällen, hatte er oft genug offene Wunden gesehen. Aus einem Wandkästchen holte er eilig frisches Verbandzeug, Enzian, Weinbrand und einen sauberen Topf hervor, dann holte er frisches Wasser aus der Quelle, die sich hinter der Jagdhütte befand und wusch ihr mehrmals die Füße. Das Waschen mit kaltem Wasser und die letzte Säuberung mit Weinbrand linderten ihre Schmerzen. Vorerst fühlte sie sich besser und versuchte etwas zu sagen, aber es war bloß ein unverständliches Murmeln, denn sie war zu erschöpft.

   Nachdem Karin die schweren Wanderschuhe und die verklebten Strümpfe los geworden war, fühlte sie sich, mit gesäuberten und frisch verbundenen Füßen, viel besser. Aber die Erschöpfung war zu groß. Mit einem Murmeln drehte sie sich zur Seite und schlief auf der Stelle ein.

   Der junge Baron guckte sie eine Weile an, dann sagte er: „Erschöpft wie sie ist, wird sie bestimmt Stunden lang schlafen, aber ärztliche Hilfe braucht sie dennoch.“ Fest entschlossen Hilfe zu holen, sagte er: „Rex, Wache!“ Der Hund hatte verstanden! Ohne daß sein Herr die Order wiederholen mußte, setzte er sich neben die Holzpritsche und stand da wie ein Sphinx. Als sein Herr wegging wußte er, daß er Rex auch über mehrere Stunden in derselben Stellung auffinden würde. Er stieß einen kurzen Pfiff aus, gleich darauf antwortete Speedy, sein anderer vierbeiniger Freund, mit frohem Wiehern. Auf beide konnte er sich wann immer verlassen, denn auch zu dritt waren sie ein gut eingespieltes Team.

   Kaum war eine Stunde vergangen, seitdem er die Jagdhütte verlassen hatte, war er schon in der nächsten Siedlung angekommen. Das Glück war ihm hold! Er mußte nicht lange nach dem Arzt suchen.

   „Hallo, Doc“, sagte er kurz.

   „Hallo, Felix“, antwortete der Arzt überrascht.

   Die beiden Männer begrüßten sich kurz, aber herzlich, denn sie waren alte Freunde. Sie kannten sich aus ihrer Kindheit, denn sie waren zusammen aufgewachsen. Beide hatten eine sehr schöne Kindheit. Sie wuchsen frei und ungetrübt auf, wie zwei junge Adler, obwohl die Welt um sie herum in den Flammen des zweiten Weltkrieges aufging. Manchmal hörten sie die Nachrichten im Radio und wunderten sich über die Verluste der Deutschen Heeresmacht.

Aber das Kriegsgetümmel mit all seinen Grausamkeiten war so weit entfernt von ihren heimatlichen Wäldern in denen sie sich geborgen fühlten, daß sie in ihrer Zurückgezogenheit meinten sie seien auf einer anderen Welt, wie in einer neuen Robinsonade.

   Sie waren wirklich sehr weit entfernt von all dem aufregenden Getümmel und Weh des wilden Krieges, der nach und nach die ganze Welt erfaßte. Auf direkte Weise verspürten sie nichts von dessen Roheiten und Schrecken. Der Sohn des alten Barons von Hohenfels, des so genannten Holzbarons, wie auch der Sohn des Bankiers Waldheim waren gut bekannt und geehrt in der ganzen Gegend. Auch als Jäger waren sie geschätzt von den Waldbewohnern, denn oft genug hatten sie ihren Mut unter Beweis gestellt, bei Einzelner- oder so mancher lustvollen Treibjagd. Beide hatten viel mehr Glück gehabt im Leben, wie so manche andere jungen Leute in ihrem Alter.

   Sie waren beide gleich alt und wurden in derselben Gegend geboren. Nachdem sie das Gymnasium beendet hatten, gingen sie in München zur Universität, wo der junge Baron, laut alter Tradition seiner Familie, Forstwissenschaft studierte und sein Freund Arnold Waldheim Allgemeinmedizin. Schon während ihrer Studienzeit sehnten sich beide nach den heimatlichen Wäldern und deren tiefem Frieden aus dem nördlichen Bayern. Ihre heimatlichen Gefilde lagen in der Gegend Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld, aus der Provinz Unterfranken. Unvergeßlich waren für beide ihre Jagdzüge zu zweit, wie auch so manche groß angelegte Treibjagd, wo sie sich ihre ersten Trophäen verdient hatten.

   Zur Wehrmacht wurden sie nicht eingezogen, sie wurden wie durch ein Wunder befreit, aber ganz frei vom Militär wurden sie doch nicht. Einberufen zum Hilfsdienst wurden sie den Spezialtruppen zugeteilt. Doch der Wehrdienst den sie leisteten, war unvergleichlich mit dem was andere jungen Leute in ihrem Alter oder noch Jüngere, nach einer dreimonatigen Musterung erleben mußten. Als gut ausgebildete und Kenner ihrer heimatlichen Gegend, machten sie Lokaldienst und sollten dafür sorgen, daß die Wehrmacht ihre monatlichen Quoten, an Holz, Fisch und Wild regelmäßig erhielt. Doch alles was die Armee erhielt mußte First Class sein!

   Das heißt, der Wald, die Fische aus seinen Seen und das Wild mußte versorgt und gepflegt werden, eben so die Menschen die man dazu brauchte. Dafür benötigte man gut ausgebildetes Personal. Das war die einfache Erklärung warum die beiden jungen und gesunden Männer, wie Felix von Hohenfels und Arnold Waldheim sich nicht an der Front befanden, wo andere Blutjunge Leute ihr Leben dem furchtbaren Kriegsgott Mars opferten...

   Nach dem kurzen Gruß guckte sich Doc Waldheim seinen Freund näher an und merkte gleich, daß sich etwas ganz besonderes zugetragen hatte. Sein Freund war aufgeregt und besorgt.

   „Felix!“ sagte er, „für heute bin ich fertig, dann stehe ich zu deiner Verfügung!“

   „Ich danke dir, mein Freund, daß du mich auch ohne viele Worte verstanden hast. Die Sache eilt, begleite mich, wir sprechen unterwegs weiter...“

   Nach dem der junge Baron einen berittenen Boten zum Schloß geschickt hatte, mit der Weisung, eilends einen zweirädrigen Buggy mit zwei Pferden zur Jagdhütte zu schicken, machten sie sich auf de Rückweg zu dieser. Doch auch unterwegs war er ziemlich Wortkarg, denn das Schicksal des jungen Mädchens, dem er auf so seltsame Weise begegnet war, beschäftige ihn viel mehr als er am Anfang geglaubt hatte.

   In dem Augenblick als sie sich der Jagdhütte näherten wieherte Speedy mehrmals laut. Auf einmal antwortete ihm Rex mit freudigem Gebell, ohne den ihm anvertrauten Posten zu verlassen. Er wartete brav auf die Weisung seinen Posten verlassen zu können. Bei dem freudigen Gebell seines vierbeinigen Freundes glätten sich die Stirnfalten des jungen Barons. Mit beschämter Stimme, wie ein Gymnasiast den man beim ersten Kuß ertappt, sagte er:

   „Arnold, du wirst dich selbst überzeugen, daß die Sache sich ganz anders verhält, als sie auf den ersten Blick scheinen mag!“

   „Das heißt?“ Fragte der Doc mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen.

   „Du wirst dich selbst überzeugen, Arnold!“ Sagte der junge Baron und trat in die Jagdhütte ein.

   Bei ihrem Eintreten fanden sie Rex, in der selben Stellung, wie ihn sein Herr gelassen hatte. Als treuer Hund hatte er sich an die Order seines Herrn gehalten, nun aber konnte er es kaum erwarten frei zu sein.

   Doch sein Herr war mit ganz anderen Gedanken beschäftigt und hatte in vergessen. Eifrig sprach er mit seinem Freund weiter. Doch in dem Moment als Rex bemerkte wie verspielt sich Waldy, der Bernhardinerhund des Arztes, gebärdete, war es aus mit Gehorsam und Treue. Mit einem Satz war er draußen und wälzte sich mit seinem Hundefreund in dem grünen weichen Gras. Sie waren verspielt wie zwei ausgelassene Kinder, denn auch ihre Freundschaft begann als sie noch Welpen waren, klein wie zwei Wollknäuel. Wie ihre Herren so wuchsen auch sie zusammen auf.

   Beim eintreten der beiden Freunde wachte Karin auf und sah sie lächelnd, aber müde an. Sie blickte etwas verschämt vor sich hin, als die Beiden neben der Holzpritsche stehen blieben, denn sie war nur leicht zugedeckt. Ihre verbundenen Füße ragten unter der Decke hervor und sahen, in dem Dämmerlicht der Hütte, wie weiße Stiefel aus. Auf den ersten Blick sah sie aus, wie eine gesunde junge Frau, die man im Schlaf gestört hatte.

   Der Doc hatte das drängende Gefühl, als könnte sie sich jeden Augenblick erheben. Schon formten sich seine Lippen zu einer pfiffigen Bemerkung.

   „Eine Rasse Frau hast du da, Felix!“... dann aber bemerkte er, daß die weißen Stiefel eigentlich keine waren, sondern der in Eile, von seinem Freund angelegte Verband. Er biß sich auf die Lippen und sah seinen Freund fragend an.

Mit einem traurigen Lächeln antwortete dieser:

   „Arnold! Ich habe dir bereits gesagt, daß die Dinge anders sind als es auf de ersten Blick scheinen mag. Nun hast du dich selbst überzeugt.“

   „Verzeih, Felix! Du kennst ja meine Art zu witzeln!“

   Als der junge Baron hörte was sein Freund sagte lächelte er ihn schalkhaft an, er wußte schon warum. Nach einer Pause sagte er.

   „Arnold, nach meiner Meinung ist die Sache noch viel ernster als sie scheint. Wie ich erfahren habe kommt Karin von „Drüben“ und hat einen sehr langen Weg bis hier gemacht. Sie ist erschöpft, ihre Füße sind voller Wunden, sie schwebt in großer Gefahr. Eine Blutvergiftung ist nicht ausgeschlossen!“

   „Wer ist Karin?“ Fragte der Doc etwas verwirrt.

   „Sie ist Karin, das heißt Karin Ellen Andersen, mehr konnte ich von ihr nicht erfahren.“

   „Viel hast du nicht erfahren, mein Freund!“

„Auch du hast recht, Arnold! Leider fiel Karin in Ohnmacht als ich sie weiter fragen wollte“.

Der Doc hörte nicht mehr zu was sein Freund ihm sagen wollte. Die zeit drängte! Er riss die Tür der Jagdhütte Angel weit auf und machte beim Dämmerlicht den provisorischen Verband auf. Nachdem der junge Baron die Füße der Kranken gewaschen und desinfiziert hatte, sahen ihre Wunden dennoch böse aus. Ihre Lage war sehr ernst, die Wunden mußten dringend behandelt werden. Aus seinem Verbandkasten holte er eilends antiseptisches Verbandzeug hervor und verband die Kranke wie ein Fachkundiger.

   Als er den letzten Wickel anlegte, hörte man lautes Pferde-Gewieher. Der Buggy mit Heini, dem Stallknecht auf dem Kutschbock, war angekommen. „Mein Herr!“ sagte er, „es steht alles bereit, so wie sie es angeordnet haben.“ „Geht in Ordnung, Heini“, sagte sein Herr, „wir fahren gleich ab. Du nimmst mein Pferd und folgst mir mit Doc Waldheim, den Buggy mit der Kranken fahre ich. Verstanden?“

   „Verstanden, mein Herr!“ Sagte der Stallknecht untertänig!

 

                                                 .           .         .

 

   Das Burgschloß der Baronen von Hohenfels war alt, eindrucksvoll und fest erbaut. Entstanden war es im späten Mittelalter, um das Jahr 1420 und war vom utilitärischen, wie auch vom architektonischen Standpunkt aus gesehen vom Baustil der Zeit geprägt, wie alle alten Burgschloße. Während der Zeit diente es der Familie Hohenfels als Residenz und in den Zeiten großer Widerwärtigkeiten auch als Schutz- und Trutzburg, denn es war genügend Platz da auch für die Siedler aus den Wäldern die zum Schloß gehörten.

   Auf ein hohes Felsplateau aufgebaut, mit einem einzigen Zufahrweg, war das Schloß leicht zu verteidigen. In der Zeit da es erbaut worden war gab es viele Unruhen und Fehden mit Nachbarn und anderen habgierigen Prätendenten. Doch die natürliche Lage des Schlosses war stets ein treuer Partner in Kriegs- und Friedens Zeiten. Das Hochplateau war groß genug um das Schloß zu einer festen Burg auszubauen, nicht so klein geraten, wie so mancher „Adlerhorst“! Auch in äußerster Not hatten die Schloßbewohner nur eine Seite zu verteidigen, das war die Torseite, auch zu der gelangte man nur auf einem Schmalen Hohlweg, den die Sturzbäche während der Zeit ausgespült hatten. Die anderen drei Seiten waren nicht zu gänglich! Nicht einmal die Bergziegen konnten über die hohe Felsenwand klettern.

   Vom Hochplateau bis tief unten, wo sich der grüne Wald ständig in Wällen bewegte, waren über dreihundert Fuß und ganz tief unten erfaßte der Wald das Hochplateau wie ein riesiges Hufeisen und unterstrich noch einmal seine Unüberwindbarkeit. Sogar der einzige Weg zum Schloß wand sich in mehreren Serpentinen die leicht zu verteidigen waren.

   Trotzdem das Schloß sich im Herzen des Waldes befand, war es doch gut bekannt von den Waldsiedlern und Kohlenbrennern, wie auch von den Leuten aus dem Tal, denn Holz brauchten alle. Außerdem war es so stolz erbaut, daß es an ein Märchenschloß erinnerte in dem Drachen oder wunderschöne Feen hausten, so wie es die Brüder Grimm, Andersen oder Petre Ispirescu erzählten. All diese Märchen sind unvergeßlich geblieben für so manche Kinder deren Herzen sie schon in früher Kindheit hocherfreuten.

   Entstanden in uralten Zeiten, war das Hochplateau schon längst mit einer dicken Schichte Muttererde bedeckt. Es war gute Erde die eine reiche Vegetation begünstigte. Den Weg, oben auf dem Plateau, schmückten Linden, Kastanien und Pappeln, die eine schöne Allee bis zum Haupttor bildeten. Das Tor war alt aber fest, aus Eichenholz gezimmert und nachher schön verziert mit schmiedeeisernen Verschnörkelungen, die aus dem XVIII. Jahrhundert stammten. Der schwere Klopfhammer am Tor war ein schöner Löwe in Bronze gegossen.

   Das Haupttor war von zwei Wehrtürmen flankiert, die aus Felsstein und hart gebrannten Ziegelsteinen, die noch härter waren als so mancher Eisenbeton der modernen Zeit, gebaut worden. Der Stilart nach waren sie im spät Romanischen Stil gebaut, über fünfzehn Fuß hoch, mit engen Bogenfenstern, Schießscharten und leicht zugänglichen Treppen und Brückenstegen versehen. Von den Wehrtürmen weiter erhoben sich auf beiden Seiten dicke Steinmauern bis zu fünfzehn Fuß hoch und zogen sich bis zum Schloß hin, das dicht am Rande des Plateaus gebaut war...

   Als der kleine Geleitzug mit der Kranken am Schloßtor angelangt war, herrschte dort große Aufregung. Ein Teil von dem Gesinde stand da und gaffte ihnen neugierig entgegen, auch im Schloßhof hatten sie sich in zwei Reihen aufgestellt und warteten gespannt. Dicht am Tor stand eine andere Gruppe und hielt das Tor offen. Alle hofften, die Kranke wenigstens mit einem Blick zu streifen.

   Der junge Baron sah von Weitem, daß das Tor Angel weit offen stand und raste ohne Halt weiter. Er rief laut, „Hepp, Hepp, Achtung!“ und weiter ging die Fahrt, das helle Funken aus den Reifen des Buggys und den Hufen der Pferde nach allen Seiten stoben. Er war in großer Eile, schaute weder nach rechts, noch nach links, er hatte keine Augen für all die Neugierigen. Ihn kümmerte bloß eines. Karins Sicherheit! Als er den Buggy vor dem Hauptsteig stoppte, waren die Pferde schweißgebadet und heißer Schaum floß ihnen aus den Nüstern. Aus Sorge um Karin, hatte der junge Baron auch das letzte aus ihnen herausgeholt.

   Am Hauptsteig angelangt, verschwendete der junge Baron keine Zeit. Er sah sich nicht einmal um, seine ganze Aufmerksamkeit galt allein der Kranken. Er war zu besorgt um sie, denn während der Fahrt war sie ziemlich unruhig gewesen. Die Müdigkeit, wie auch die Schmerzen hatten sie zu stark mitgenommen, daß sie wirres Zeug redete. In dem Augenblick als er sie aus dem Buggy heben wollte, sprang auch Doc Waldheim aus dem Sattel und eilte ihm zu Hilfe.

   „Danke, Arnold, sagte er kaum hörbar.“ Dann wandte er sich um und schaute seine Mutter besorgt an.

   Die Baronin, Doris von Hohenfels, stand vor dem hell erleuchteten Hauptportal und wartete auf den Geleitzug ihres Sohnes. Sie war aufgeregt, aber auch sehr gespannt, wen ihr Sohn da mitbrachte. Doch als sie ihn näher betrachtete, hatte sie seinen fragenden Blick verstanden. Sie beruhigte sich schnell ohne voreilige Fragen zu stellen, denn aufs Erste waren ihre Neugier und Emotionen fehl am Platz. Beherrschung war angesagt! Sie war Mutter und als Mutter hatte sie den tiefen Schmerz in den Augen ihres Sohnes sofort erkannt. Beruhigt sagte sie mit fester Stimme:

   „Felix, schafft sie in die Wohnung aus dem Ostturm, dort steht alles bereit!“

   „Mutter! Dort ist ja...“ versuchte er zu widersprechen.

   „Ich weiß was dort ist, mein Sohn!“ Antwortete die Baronin mit einem sibyllinischen lächeln um den Mund. „Siehst du, manchmal führt uns das Schicksal über unvermutete Wege, die wir nicht gleich erkennen oder verstehen. Warum hast du kein Vertrauen in dein Schicksal?“

   „Ich danke dir für diese herzlichen Worte, Mutter!“ Sagte der junge Baron tief gerührt, wie ein Gymnasiast.

   Diese Worte voller Liebe und Herzlichkeit, aus einem liebenden Mutterherz kommend, versetzten den jungen Baron in einem Zustand der Hoffnung und des tieferen Vertrauens in seine unbekannte Zukunft. Mit der Hilfe seines Freundes legte er die Kranke mit großer Sorgfalt auf die schon bereitgestellte Tragbahre, dann hoben sie die teure Last behutsam auf und trugen sie zum Haupteingang.

   Das Hauptportal bestand aus hartem Eichenholz, war reich verziert mit Ornamenten, bestehend aus zoomorphen – und geblümten Motiven, gearbeitet aus Messing und Eisen. Nachdem sie das Portal durchschritten hatten traten sie in den Windschutz, dann ging es über eine breite Treppe in die große Halle, im Erdgeschoß. Diese wurde nicht umsonst die große Halle genannt, denn sie war auch der größte Raum aus dem ganzen Schloß.

   Ihre Höhe nahm zwei Stockwerke ein und endete in einer riesigen Decke, die aus Bogen- und Sternwölbungen bestand. Zugleich bildete die große Halle auch eine Art symmetrische Achse, welche das ganze Schloß, von Nord – Ost nach Süd - West durchzog bis hin zu der äußersten Mauer, die dicht an den Rand des Hochplateaus gebaut war. Diese Wand war von Anfang an auch zur Verteidigung ausgerüstet worden. Sie war mit Laufstegen, engen Bogenfenstern und Schießscharte versehen. Aber auch in Friedenszeiten diente sie als Observatorium, denn von dort aus konnte man ein riesiges Stück des Waldes, bis hinunter ins Tal erfassen.

   Während der Zeit diente die große Halle vielseitigen Zwecken: Sie war Observatorium, diente zur Waffenübung und Ausbildung, zur Verteidigung wenn der Feind sie bedrängte, aber auch als sicherer Schutz für die Flüchtigen aus der Umgebung. In Friedenszeiten diente sie als Sporthalle und in den jüngeren Zeiten als Fest- und Konzertsaal.

   Die riesige Decke aus de großen Halle stützte sich auf zwei Reihen Dorischer Säulen mit einer einfachen, aber festen Fußplatte aus Felsstein gemeißelt. Oben an der Decke, endeten die Säulen in einem schneckenförmigen Kapitel. Parallel mit den zwei Säulenreihen gab es auf beiden Seiten je eine Galerie, die sich bloß bis zur Höhe eines Stockwerkes erhoben. Deren Decken bestanden aus einem einfachen Bogengewölbe, aber dafür waren die Wände reich verziert mit Stuck und Ornamenten, so wie es sich einer Ahnengalerie ziemt, denn dort waren alle Vorfahren der Familie Hohenfels in Reihenfolge aufgestellt.

   Nach rechts und links, führten aus den beiden Galerien zwei breite Treppen zum ersten Obergeschoß. Dort führte ein eben so breiter Gang bis zum Ostturm, von diesem Gang aus führten mehrere Türen in verschiedene Gemächer. Die Türe zum Eingang, in die Wohngemächer aus dem Ostturm, war aus festem Eichenholz gemacht und auf eine bestimmte Weise behandelt worden, so das die Holzwürmer ihr nicht schaden konnten. Denn gemäß alter Tradition dienten die Gemächer hinter dieser Tür bloß einem Zweck und das war ein ganz besonderer...

   Über diese Tradition wurde viel hin und her fabuliert, denn schon seit älteren Zeiten waren allerhand Gerüchte im Umlauf und ballt wurden sie zur einer Legende, die alle verrückt machte. Die Quellen dieser Legende lagen weit zurück in längst vergangenen Zeiten, aber die Leute konnten sie nicht vergessen und so waren diese Gemächer allen als „Die Brautwohnung“ bekannt...

   Vor der massiven Eichentür machten die beiden Freunde halt, während Tina, die Zofe, diese aufschloß. Erst als die Tragbahre wieder aufhoben bemerkten sie, daß sich hinter ihnen ein großer Zug Neugieriger gebildet hatte und wirr herum schnatterten. Unangenehm überrascht von der Menge der Gaffer, geriet der junge Baron in Unmut und wandte sich schlechtgelaunt an Stefany, die Haushälterin.

   „Stefany, haben diese Leute nichts mehr zu tun, warum gaffen sie hier herum?“

   Als die Haushälterin die ärgerlichen Worte des jungen Barons vernommen hatte, wurde sie ganz rot vor Verdruß. Sie kannte ihren jungen Herrn schon seit seiner Kindheit, er war ein gutmütiger Mensch, hatte ein gutes Herz, aber wenn er verärgert war sollte man ihm lieber aus dem Weg gehen. Auf einmal wandte sie sich mit einer strengen Geste an Maia, die Köchin, welche sich gerade in dem Moment vordrängte und sagte in einem Ton der kein gutes Wetter versprach.

   „Maia, wir treffen uns in der Küche und all die anderen an die Arbeit! Verstanden?“

   Mit weit geöffneten Türen zum Vorraum und zum Wohnraum wartete Tina, mit einem komischen Knicks, auf die beiden jungen Männer mit der Tragbahre. Ihr Knicks war schelmisch, denn sie konnte das ironische Lächeln, welches ihre Lippen kräuselte kaum noch verbergen. Der Schalk saß ihr in den Augen, denn sie wußte noch nicht was auf sie zukam.

   „Bitte, die Herrschaften können eintreten und die Kranke vorläufig auf das Sofa legen. Gleich ist auch das Schlafzimmer so weit vorbereitet.“

   Der junge Baron und sein Freund stellten die Tragbahre auf den Boden und hoben die Kranke sorgfältig auf das Sofa. Aus ihrer tiefen Ohnmacht war sie noch nicht aufgewacht und das bereitete dem Doc große Sorgen. Denn aufs Erste wußte er nicht war es: Ohnmacht, Schläfrigkeit wegen zu langer Übermüdung oder die viel zu lange Zeit unbehandelten Wunden. Plötzlich klärte sich die Ohnmacht zum Teil auf! Die Kranke öffnete die Augen und flüsterte kaum hörbar zwei Worte, "Hunger...Durst!“ Die beiden Freunde schauten sich überrascht an.

   „Ja, Hunger und Durst, mich wundert es nicht! Wer weiß seit wie viel Tagen die Arme nichts mehr gegessen hat?“ antwortete die Baronin, die gerade eingetreten war und alles mitgehört hatte.

   Die Herrin vorsichtig, wie jede Frau und Mutter, war nicht allein gekommen! Leni, das Küchenmädchen hatte sie begleitet. Sie trug ein großes Tragbrett beladen mit Sandwich und eine Kanne mit heißem Tee. Ihr Muttergefühl hatte ihr diese Eingebung zu geflüstert und sie war gar nicht fehl am Platz.

   Angezogen von dem Geruch der Speisen, versuchte die Kranke sich aufzusetzen, aber sie hatte dazu nicht genug Kraft. Unterstützt vom Arzt und der Zofe konnte sie sich endlich aufsetzen. Sie war sehr geschwächt, denn sie hatte seit mehren Tagen fast nichts gegessen. Mit zitternden Händen nahm sie ein Sandwich nach dem anderen und kostete es langsam aus, Bissen für Bissen, denn sie hatte seit Wochen so etwas Gutes nicht mehr gegessen. Als sie Durst verspürte, hielt sie die große Tasse mit beiden Händen, als wolle sie zugleich mit der Flüssigkeit auch die ganze Wärme aufnehmen. Seit langer Zeit vermißte sie das angenehme Gefühl satt zu sein. Mit einem Seufzer der Erleichterung legte sie die Tasse auf das Tragbrett und murmelte etwas wie ein: „Danke schön!“

   Die Zofe war ihr beim Hinlegen auf das Sofa behilflich und auf ein Zeichen des Arztes fing sie an die Kranke zu entkleiden. Während die beiden sich mit der Kranken beschäftigten hielten sie die anderen Anwesenden im Vorraum auf. Bekleidet mit einem Schlafhemd, welches die Zofe aus ihrer reichlich bestückten Wohnung geholt hatte, wurde sie in den kleinen Baderaum neben dem Schlafzimmer geführt. Dort konnte sie sich endlich gründlich waschen, denn eine solche Wohltat entbehrte sie seit langer Zeit. Während ihrer langen Flucht von „Drüben“ wusch sie der Regen, die frische Quelle des Waldes, das Morgentau, die Sonne und der Wind trockneten Sie. Unterstützt von der Zofe kehrte sie mit schwankenden Schritten zum Sofa zurück.

   Assistiert von der Zofe, begann der Arzt sie mit großer Sorgfalt zu untersuchen. Doch auch nach dieser gründlichen Untersuchung konnte er nichts entdecken was ihr allgemeines Wohl bedrohen könnte. Sie war körperlich geschwächt und seelisch labil, was ihm Sorgen machte, aber die größeren Sorgen bereiteten ihm ihre wunden Füße, die schon zu lange Zeit unbehandelt waren. Aber es war noch zu früh sich auf diese oder jene Diagnose einzustellen. Er mußte die Kranke unter strenger Beobachtung halte, ohne die anderen zu alarmieren und vor Allem seinen Freund.

   Nachdem er die Untersuchung beendet hatte, wechselte er das Verbandzeug. Die Füße der Kranken waren voller furchterregender Wunden, die schon zu lange Zeit unbehandelt waren und stellenweise war die Eiterung bis zum Knochen vorgedrungen. Jetzt, nachdem sie erneut gewaschen und verbunden waren, sahen sie viel besser aus wie dort in der Jagdhütte. Aber das bedeutete nicht viel. Bis zur Heilung war noch ein langer Weg, denn die tieferen Wunden machten dem Arzt Sorgen, sie waren für jeden Arzt ein alarmierendes Zeichen. Die Kranke brauchte dringende Hilfe!

   Frisch verbunden und befreit von dem quälenden Hungergefühl, wurde die Kranke wieder vom Schlaf befallen. Sie konnte auf dem Sofa nicht mehr aufrecht sitzen! Fast wäre sie eingeschlafen. Als die Baronin das sah, sagte sie kurz.

   „Stefany, Tina! Schafft die Arme ins Schlafzimmer, ihr seht doch sie kann sich nicht mehr auf den Beinen halten! Du, Tina, wirst hier im Wohnzimmer schlafen, daß du für alle Fälle in ihrer näher bist.“

   Kaum hatte die Kranke das warme weiche Bett erreicht schlief sie ein. Ihre reichen blonden rötlich schimmernden Haare umfluteten ihren müden Kopf, wie ein goldener Nimbus, der ihr von einer unsichtbaren Hand aufgesetzt worden war. Auf dem weißen Polsterüberzug aus Damast sah das ganze wie eine Krone aus. Mit ihren geröteten Wangen sah sie eher wie ein Kind, als eine junge Frau, aus. Frau Doris, die Herrin, betrachtete sie, wie eine Mutter ihr eigenes Kind und murmelte für sich: „Gute Nacht mein schönes Kind!“

   Als alle andern das Schlafzimmer, welches die Kranke beherbergte, verließen, sagte die Baronin zur Haushälterin:

   „Stefany, heute haben diese sonderbaren Ereignisse die alte Hauordnung etwas durcheinander gebracht. Sorge dafür, daß alles wie üblich weiter geht und vergiß nicht, auch für diese beiden jungen Männern Sorge zu tragen. Ich bin überzeugt, daß sie heute noch nicht gegessen haben.“ Die alte Haushälterin antwortete mit einem untertänigen Lächeln.

   „Herrin, Morgen ist ein neuer Tag, aber die Hausordnung wird wieder die alte sein, so wie es schon immer war! Und was diese jungen Herren betrifft, die gehen bestimmt nicht hungrig zu Bett!“

   Frau Doris war eine Frau und so wie jede Frau hatte auch sie das drängende Bedürfnis sich auszusprechen, mit jemandem zu kommunizieren. Ein Geheimnis für sich zu behalten viel ihr schon immer schwer. Ihr Gatte, Bernhard von Hohenfels, hatte viel Verständnis für alle Familienangelegenheiten, sogar für kleinere Schwächen, aber seine Zeit war sehr begrenzt. Er war ein reicher angesehener Mann, aber seine eigenen Geschäfte verwaltete er am liebsten selber, nach dem Motto: „Es ist besser zu kontrollieren als zu vertrauen!“

   Er hatte gute Leute die ihm zur Seite standen. Aber das Überwachen und Verwalten seiner ausgedehnten Eigentümer: Wälder, Pferdezucht, Hundezucht, Forellenzucht, das Sägewerk und alles andere nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Also sagte sich der alte Baron zu sich selbst. „Das Auge des Herrn sieht mehr als das des Dieners“ und packte fleißig mit an.

   Als die Kranke zum Schloß gebracht worden war, befand sich der alte Baron nicht zu Hause. Begünstigt von dem guten Juniwetter beschleunigte er die Arbeiten beim Sägewerk. In Europa war der Krieg zu Ende. Holz wurde schon immer verlangt und jetzt umso mehr. Alles mußte wieder aufgebaut werden. Vor Allem brauchten die Amerikaner viel Holz für den   Aufbau ihrer Stützpunkte in München, wie auch an anderen Ortschaften die zu ihrer Besatzungszone gehörten. Das Holz mußte pünktlich geliefert werden.

   Als die Baronin in Hauptflügel des Schlosses, wo sie ihre eigenen Gemächer hatten, angekommen war, erinnerte sie sich daran, daß ihr Gatte Karin noch gar nicht gesehen hatte, denn er wußte ja nichts von den neusten Ereignissen, die im Schloß stattgefunden hatten.

   „Liebster“, sagte sie zu ihrem Gatten der schon zwischen den Kissen lag, „wie schade, daß du gerade heute so beschäftigt warst, daß du das junge Mädchen, welches Felix ins Schloß gebracht hat, nicht sehen konntest.“

   „Hast du etwas gesagt, meine Liebe?“ Fragte der Baron verschlafen.

   „Mein Liebster Bern! Verstecke dich nicht mehr hinter das Schlafmännchen, ich weiß doch wie neugierig du bist.“

   „So, so!“ Sagte der alte Baron um ein Gähnen zu vertuschen.

   „Ich bitte dich, verstelle dich nicht mehr auf diese kindische Weise, du verärgerst mich und dann sage ich dir gar nichts mehr.“

   „Aber nicht so, meine Liebe! Du ärgerst dich! Warum sollst du dem Schlafmännchen böse sein?“

   „Mein Lieber, was redest du so viel vom Schlafmännchen? Du platzt ja vor lauter Neugierde!“

   „Wieder hast du mich beim Mogeln ertappt!“ Sagte der alte Baron lachend.

   „Wie immer, mein Lieber!“ Antwortete seine Gattin mit ärgerlichem Ton. Dann fuhr sie mit einem versöhnenden Seufzer fort. „Und dennoch, so viel sage ich dir, das junge Mädchen, welches Felix heute mitgebracht hat, heißt Karin Ellen Andersen und ist ein Rasse Weib. Gute Nacht!“

   Im Schlafzimmer aus dem Südturm blieben die Fenster die ganze Nacht offen. Der vergangene Tag war heiß und die ganze Wärme hatte sich in den Gemächern des jungen Barons gespeichert. Auf einmal wurde diese Atmosphäre unerträglich für ihn!

   Der junge Baron wurde unruhig und erschien immer aufgeregter einmal bei einem, dann bei dem anderen Fenster. Er hatte das beklemmende Gefühl nicht mehr genug Luft zu bekommen! In seinem geräumigen Schlafzimmer ging er schneller und schneller auf und ab, in der Hoffnung seine, von der Unerwarteten Begegnung mit Karin erzeugte Erregung, abzuschütteln. Übermannt von all den Gedanken setzte er sich in einen gepolsterten Lehnstuhl, zwischen den zwei Fenstern und schlief auf der Stelle ein.

   Auch im Westturm, dort wo sich traditionell die Gästeräume befanden, herrschte Unruhe. Gestützt auf eines der Fenstersimse rauchte Doc Waldheim seine unzertrennliche Pfeife, in einer scheinbaren Ruhe, aber tief in seinem Inneren war er sehr aufgewühlt von den unerwarteten Ereignissen des vergangenen Tages. Was er auch versuchte, seine Gedanken voller Sorgen konnte er nicht abschütteln. Was aber noch schlimmer war, er konnte mit Niemandem darüber sprechen. Er dachte an seine Freund, an Karin und plötzlich graute es ihn vor der Vision, welche ihm seine Gedanken vorgaukelten...

   Schon seit er die Jagdhütte betreten hatte, war er überzeugt, daß sein Jugendfreund, Felix, sich in das, wie aus dem Nichts kommenden, junge Mädchen heillos verliebt hatte. Aber er wußte noch etwas! Es war das gewisse Etwas, dessen nicht einmal sein Freund sich bewußt war, und dennoch war es wahr. Der Arzt hatte sich nicht getäuscht! Er kannte seinen Freund noch besser wie einen Bruder.

   Ihn beschäftigte der Zustand der Kranken mehr und mehr, denn es war ein dringender Sonderfall! Doch als Arzt durfte er, ihre Gesundheit betreffend, keine voreiligen Schlüsse ziehen. Und dennoch, daß was er gesehen hatte, als er einen frischen Verband anlegte, machte ihm große Sorgen. In Gedanken versunken sagte er: „Gewiß, ihr allgemeiner körperlicher Zustand ist nicht beruhigend, auch ihr Psyche ist sehr labil... Und dennoch mit der Zeit, umgeben von der Ruhe des Waldes kann es eher zur Genesung kommen als anderswo. Aber was mache ich nur, wenn es zur Eiterung und Blutvergiftung kommt. Sogar zum Amputieren oder noch schlechter...! Was kann ich machen, mein Gott, auch anderswo gibt es ja keine Medikamente. Dieser grausame Krieg ist kaum zu Ende und das ganze Land liegt in Schutt und Asche!“

   Die Sorge vollen Gedanken hielte ihn wach! Aufgewühlt wie er war vergaß er auch seine tröstende Pfeife und legte sie aufs Fenstersims, dann sinnierte er weiter: „Der Gesundheits-Zustand der Kranken ist unvorhersehbar... sie ist unterernährt, ihrem Körper fehlt es an Mineralien, Vitaminen und all das führt zu der tiefen Erschöpfung in der sie sich befindet. Nur Gott allein weiß wie und wo, auf welchen Wegen sie herumgeirrt hat bis sie zur Jagdhütte gelangte.“

   Doc Waldheim fühlte sich so elend wie noch nie. Er befand sich in einer verzweifelten Lage, denn er mußte immer wieder an seine Freund denken. „Mein Gott, was wird aus Felix im Falle...!“ Er wagte es nicht weiter zu denken, weil ihm dieser Gedanke Angst mache. Er kannte seinen Freund zu gut und war davon überzeugt, daß er sich das Leben ohne Karin nicht mehr vorstellen konnte. Ihr Verlust wäre für ihn eine Tragödie, die er ein ganzes Leben lang nicht überwinden würde. Seine Gesellschaftliche Stellung, wie auch seine traditionelle Erziehung hatte aus ihm einen überzeugten Monogam gemacht, der sich im Leben nur einmal verliebt, aber ein Leben lang liebt!

   All diese Gedanken waren erdrückend für ihn und das sinnieren ging weiter. „Ja!“ sagte er zu sich selbst, „der schreckliche Krieg ist kaum zu Ende, die Fabriken wurde zu Ruinen gemacht, Medikamente gibt es keine, es fehlt an allem: Desinfektion Mittel, Alkohol, Verbandzeug etc., wie kann man in solch einem Fall eine Kranke behandeln. Wie und mit was. Ja, es gibt auch andere Lösungen! Leicht gesagt aber wie gemacht. Doch es gibt auch homöopathische Behandlungen mit Heilpflanzen, Wald und Wiesen sind voller pflanzlicher Produkte mit heilenden Kräften, aber kann man mit dieser Altweiber Behandlung auch in ihrem Fall die gewünschten Ergebnisse erreichen. Ist es nicht zu spät für eine solche Behandlung und dennoch, wenn man die richtigen Pflanzen verwendet, werden auch die Ergebnisse entsprechend sein. Aber wie lange wird eine solche Behandlung dauern. Hat ihr Organismus, ihre Psyche noch so viel Kraft das alle durchzustehen.“

   Auf einmal tauchte ein andere Frage auf: „Von wo und wie besorge ich all die nötigen Pflanzen. Was für Pflanzen nehme ich für ihre alten Wunden. Ich brauche dringend eine Menge Pflanzen für verschiedene Teearten und andere Präparate wie: blutreinigende, antiseptisch, mineralisierende, vitaminisierende, tonische, sedative etc.“

   Benommen von all den Sogen wußte er auf einmal nicht mehr wo er anfangen sollte. Zu viele Fragen kamen plötzlich auf ihn zu. In seiner Studienzeit hatte er nebenbei auch etwas über Homöopathie gelernt und zwar im Zusammenhang mit Biologie und Pharmazeutik, aber als Nebenfach hatte man nicht viel davon gelernt. Einzelheiten hatte man anderen Fachleuten überlassen. Vor allem über Pharmakologie, Pharmakodynamik, Pharmakotherapie oder Phytotherapie hatte er fast nichts gelernt. Plötzlich hatte er nun einen Fall wo er all diese Kenntnisse gut gebrauchen konnte.

   Doc Waldheim hatte moderne Medizin studiert, eine Medizin die sich auf eine eben so moderne Technologie stützte. Auf einmal waren diese Voraussetzungen einfach nicht mehr vorhanden. Nach fast sieben Jahren Krieg befand sich das moderne Deutschland wieder am Nullpunkt. Der alles zerstörende Krieg hatte die Uhr der Entwicklung des Landes um viele Jahre zurückgedreht. Deutschland befand sich auf einmal in der Steinzeit! Das ganze Land samt seiner Zivilisation hatten die Bomben zu einem Riesen großen Steinhaufen gemacht...

   Im Osten dämmerte es schon. Das Morgenrot erhellte die Spitzen der Berge. Plötzlich sah auch der Arzt einen hellen Lichtstrahl am Ende des schwarzen Tunnels seiner plagenden Gedanken. Wie eine Eingebung kam im die rettende Idee. Warum hatte er nicht früher daran gedacht. Stefany, die Haushälterin, kannte er seit so vielen Jahren. Sie war schon lange im Dienste der Hohenfels. Sie war im Wald alt geworden und hatte gute Verbindungen zu den Waldbewohnern aus allen Siedlungen Rings um das Schloß herum.

   Stefany war eine leidenschaftliche Sammlerin, aber auch eine gute Kennerin aller Heilkraft besitzenden Pflanzen und Früchte aus Walde und Feld. Sie wußte sogar welche Pflanzen und Früchte für welche Krankheiten gut waren, denn sie hatte ein Leben lang in der Krankenpflege gute Erfahrungen gemacht. Wie oft hatten sie, während der Kriegszeit, aus Spaß, den einen oder andern Wettlauf unternommen: Er, als Arzt, mit modernen Heilmethoden und Stefany mit homöopathischen Erfahrungen! Welche Ironie! Oftmals erreichte Stefany mit ihren Methoden bessere Ergebnisse! Der Krieg hatte alles zerstört, aber, Gott sei Dank, nicht die ganze Natur. Leider sollten noch viele Jahre vergehen bis solche Wahrheiten wieder entdeckt wurden.

   In dem unerwarteten Krankenfall, der zugleich mit Karin im Schloß Hohenfels erschien, war Stefany für den Arzt die beste Beraterin! Er wunderte sich, daß ihm dieser Gedanke nicht früher gekommen war. Er kannte sie schon seit seiner Kindheit. Sie war die Amme seines Freundes gewesen, oft auch die seine, weil sie ja zusammen aufwuchsen. Kein Wunder, beschäftigt wie er mit seinen Gedanken war, daß ihm auch seine geliebte Pfeife im Mund kalt wurde. Er legte sie wieder auf das Fenstersims und spürte wie ihn der Schlaf plagte, aber er mußte noch nachdenken...

   Sein Gesicht verdüsterte sich auf einmal. „Klar!“ sagte er zu sich selbst, „ Stefany ist nicht nur eine gute Beraterin, sie ist auch eine unentbehrliche Hilfe!“ Er hatte recht, sie allein konnte ihm all die zur Behandlung der Kranken benötigten Kräuter verschaffen. „Aber was geschieht dann weiter“, grübelte er vor sich hin, „ja als Arzt weiß ich was zu tun ist, aber als Apotheker. In diesem Fall aber ist eben das der schwerste Teil. Ob ich nun will oder nicht, auch in diesem Sinne muß ich mich an Stefany wenden. Mein Gott, ich brauche ihre Hilfe!“ Es gibt auch eine andere Lösung sagte ihm sein Ego. Die Schloß Bibliothek ist reichlich ausgestattet mit allen Büchern die man gebrauchen kann. „Aber die Zeit drängt! Mein Gott, Karin braucht dringende Hilfe!“ Schelmisch vor sich hin lächelnd, sagte er zu sich selbst: „Ich bin überzeugt, daß in all de Jahren, Stefany schon alle in Frage kommenden Bücher reichlich durchstöbert hat.“ Damit hatte er recht!

   Der Schlaf hatte ihn schon wieder verlassen und so konnte er den Faden des Nachdenkens weiter spinnen: „Die Heilkunst mit Pflanzen und Kräutern ist sehr alt. Sie hat Tradition, sie ist ein Erbgut von den Urvölkern. Die Phytotherapie war auch den alten Völkern gut bekannt. In einer Grotte aus Afrika, fast 40000 Jahre alt, hat man Zeichnungen gefunden, die verschiedene Heilpflanzen darstellen, welche auch heute noch bekannt sind mit all ihren Heilkräften von damals. Leider werden solche Berichte von der modernen Medizin leichtfertig als Altweiber Kunst abgetan. Trotzdem die Archäologie solche Funde immer wieder bestätigt, werden diese Berichte oberflächlich behandelt und durch deren Stiefschwester, die Vergessenheit, verdrängt.“

   Der Arzt machte ein paar Schritte hin und her um den Schlaf aus den Knochen zu schütteln uns sinnierte weiter: „Es ist wahr, die Urahnen der Menschen kannten die Natur viel besser als in unserer Zeit, weil sie in enger Verbundenheit mit ihr lebten. Es war eine Verbundenheit die auf Gegenseitigkeit beruhte. Der Mensch sorgte auf die Natur und ihrer Seit ernährte ihn Mutter Natur. Schon Jahrtausende zurück konnte der Urmensch, in der so verschiedenartigen Pflanzenwelt, sehr viele Heilpflanzen Arten erkennen deren Kräfte auch heute bekannt sind. Auch Cleos Verwöhnten, Herodot, können sich so manche als Beispiel nehmen. Aber auch dem Griechen, Dioscoride, war die Heilkunst mit Pflanzen und Kräutern nicht fremd. Als Neros Leibarzt hat er das oft unter Beweis gestellt. Siehe sein Buch „De materia medica.“

   Noch einmal sagte er sich: „Ja, ich bin Arzt! Und eben deshalb soll ich Kranke heilen. Wie...hier gelten die positiven Ergebnisse! Hinter den Finger kann ich mich nicht verstecken!“ Auf einmal erinnerte er sich an ein altes Axiom: „Das Leben ist viel zu kurz um all das wieder zu entdecken, was die Menschheit schon längst entdeckt und in all den Jahren perfektioniert hat.“

   Je mehr der Arzt nachdachte, umso mehr und mehr erinnerte er sich an viele brauchbaren Sachen und Kenntnisse für diesen unvorhergesehenen Krankenfall... „Das Erbgut von unseren Vorfahren ist reichlich vorhanden“, sagte er, „es kommt nur darauf an wie wir es wahrnehmen und für unser Zwecke verwenden. In der Behandlung mit Heilpflanzen haben sie uns sogar viele Gebrauchs Anweisungen hinterlassen, welche auch heute noch zu gebrauchen sind.“

   Trotzdem es schon spät in der Nacht oder sehr früh am Morgen war und seine Augen vor Schlaf zufielen, konnte Doc Waldheim auf die gewohnte kalte Dusche nicht verzichten. Diese Gewohnheit hatte er aus der Familie mitbekommen. Schon als Kind ermahnte ihn seine Mutter und sprach über Hydrotherapie, die Pfarrer Sebastian Kneipp mit großem Erfolg anwandte. Sie sagte ihm: „Arnold, versuch auch du es und du wirst dich daran gewöhnen!“ Ja, er hatte sich daran gewöhnt und konnte nicht mehr darauf verzichten. Nachdem er kalt geduscht hatte zog er das Pyjama an ohne sich abzutrocknen. Kaum daß er im Bett lag, schlief er gleich ein.

   Am folgenden Tag wachte er gut gelaunt auf. Eine neue Hoffnung erfüllte ihn mit der Gewißheit, daß alles gut gehen und enden würde. Bevor er zum Frühstück hinab stieg, machte er der Kranken aus de Ostturm einen Besuch.

   Tina, die Kammer Zofe, war schon seit geraumer Zeit auf den Beinen. Sie war gerade dabei die Räume zu lüften. Als Doc Waldheim ins Wohnzimmer eintrat sagte sie, ohne auf seine Frage zu warten.

   „Herr, Doktor, vergangene Nacht war die Kranke ziemlich ruhig!“

   „Tina, eine solche Kunde macht mir Freude, doch sehn wir mal nach was die Kranke macht!“

   „Also! Herr Doktor, tat Tina verwirrt, im Schlafzimmer war ich noch nicht!“

   „So!“ sagte Doc Waldheim kurz, und machte verwunderte Augen.

   „Herr Doktor, es war so eine Ruhe...!"

   „Schon gut!“ Gebot ihr der Arzt Ruhe! „Hoffen wir, daß die Ruhe nicht zu groß war...!“

   „Ah!“ Schrie Tina erschrocken auf. Aber der Doktor beschwichtigte sie mit einem unmißverständlichen Zeichen.

   Getrieben von einem Gefühl der Panik, welches sie plötzlich erfaßt hatte, trat Tina als erste ins Schlafzimmer, der Arzt folgte ihr auf den Fersen. Beide traten sie behutsam an das Bett der Kranken. Die Kranke lag wirklich sehr ruhig im Bett. Aber ihre Ruhe, beunruhigte den Arzt auf einmal bis aufs Äußerste. Er dachte bei sich selbst: „Was kann die Ursache dieser tiefen Ruhe sein, ist es die körperliche Erschöpfung oder das Fieber...?“

   Bevor er anfing das Verbandzeug zu wechseln, kontrollierte er ihre Körper Temperatur. Als er sah, daß der Quecksilberstreifen erst bei 39° C halt machte, sollte ihm das Thermometer entfallen. Seine quälenden Visionen schienen wahr zu werden! Eine bedrohende Wahrheit! Was sollte er machen? Zusammen mit Tina entfernte er das alte Verbandzeug, dann setzten sie die Kranke im Bett auf. Nachdem sie ihr die Füße eine halbe Stunde lang in einem Kräuterbad gewaschen hatten, wusch der Arzt sie noch einmal mit Alkohol und legte einen frischen Verband an.

   Ihr Zustand war sehr ernst! Doch einen Trost, der ihn zugleich auch hoffen ließ, hatte Doc Waldheim dennoch. Noch zeigten sich keine alarmierenden roten Streifen, die bei jeder Vergiftung von der Wunde ausgehen. Während der Arzt den frischen Verband anlegte, kam auch Leni mit dem Tragbrett, begleitet von Stefany. Als sie ins Schlafzimmer traten, versuchte die Kranke sich aufzusetzen. Nachdem wohltuenden Fußbad und dem frischen Verband, fühlte sie sich viel besser.

   Tina half ihr sich aufzusetzen, dann kontrollierte der Arzt noch einmal die Körper Temperatur. Er lächelte zufrieden: Das Fieber war gesunken! Das war ein gutes Zeichen und gab ihm neuen Mut fortzufahren mit derselben Behandlung. Die Altweiber Heilkunst erwies sich noch einmal als zuversichtlich. Was anderes hatte er sowieso nicht zur Hand! Bevor er die Kranke verließ, legte er ihr noch einmal kalte Wickel an Waden und Lenden. Das Fehlen an Medikamenten zwang ihn, als Arzt der Neuzeit, wieder zur Mutter Natur zurückzukehren!

   Als Doc Waldheim die Kranke verließ, hatte er sich fest vorgenommen unaufschiebbar mit Stefany zu sprechen. Er war überzeugt, daß er in ihrer reichen Sammlung die zur Behandlung nötigen Heilkräuter finden würde. Trotzdem er diese Entscheidung getroffen hatte, konnte er sie an dem Tag nicht einhalten. Er mußte ein Treffen mit ihr aufschieben. Auch anderseits riefen die Pflichten...

   Der junge Baron war nicht zum Frühstück erschienen! Die Herrin, seine Mutter, sagte nichts, aber sie blickte den Arzt besorgt an, sie kannten sich schon lange genug. Er hatte verstanden was die besorgten Blicke einer Mutter ihm sagen wollten. Gleich nach dem Essen suchte er den Freund in seiner Wohnung auf. Doch im Südturm fand er ihn nicht. Anna, das Hausmädchen, welches sich um die Wohnung seines Freundes kümmerte, sagte ihm, daß sein Bett vergangene Nacht unberührt blieb. Diese Kunde machte ihm Sorge. Alarmiert, verließ er eilends die Wohnung seines Freundes. Er fand ihn beim Pferdestall! Er kam gerade noch zur rechten Zeit, Heine, der Stallknecht, brachte ihm schon den Sattel und war gerade dabei Speedy fertig zu machen zum aus reiten.

   Bevor Doc Waldheim ihn etwas fragen konnte, sah er seinen Freund, fertig zum aus reiten angezogen, aus dem Futterspeicher kommen. Er sah nicht gut aus!

   „Hallo, Felix!“ grüßte der Arzt in einem gut gelaunten Ton.

   „Hallo, Arnold!“ Kam die Antwortete sein Freund etwas mürrisch.

   Erst als der Arzt seinen Freund näher ansah bemerkte er, daß er sehr blaß war und blaue Ringe um die Augen hatte. Mit Verständnis und Mitleid fragte er.

   „Felix, sage mir was hast du? Du siehst gar nicht gut aus, mein Alter!“

   Der junge Baron war versucht ihn irgendwohin zu schicken, aber bis zu letzt behielt sein gesunder Menschenverstand die Oberhand. Er besann sich im letzten Augenblick und sagte ruhiger.

   „Arnold, warum fragst du auf diese Weise? Ich bin überzeugt, daß du sehr gut weißt was mich bedrückt!“

   Mit einem geheimnisvollen Lächeln sagte der Arzt.

   „Felix, ich kann mir denken was dich bedrückt! Aber auch wenn es wahr ist was ich vermute, ist das noch kein Grund in der Nacht nicht zu schlafen und am Tag nichts zu essen. Wenn das Mädchen in das du dich verliebt hast körperlich leidet und du leidest psychisch, vernachlässigst dich selbst. Was glaubst du? Ist ihr damit geholfen?“

   „Was soll ich tun, Arnold?“

   „Mein Freund, Felix, wir sind beide erwachsene Menschen. Nicht wahr? Also schauen wir der harten Wirklichkeit direkt in die Augen, dann werden wir auch einen Ausweg finden aus dieser Sackgasse!“

   „Arnold, du hast recht, aber was können wir in dieser verzweifelten Situation machen?“

   „Unsere Lage ist wirklich verzweifelt, Felix! Was kann für einen Verliebten verzweifelter sein, als seine Geliebte leiden zu sehen ohne daß er ihr helfen kann. Doch ich sage dir offen, dieselbe Verzweiflung empfindet auch der behandelnde Arzt, wenn er sieht, daß seine Patientin leidet und er kann ihr nicht helfen. Aber die Verzweiflung wird noch größer, wenn die Unmöglichkeit zu helfen von Mängeln ausgeht, die durch Höhere Gewalt bestimmt werden. Der verfluchte Krieg hat alles kaputt gemacht...“

   „Arnold, ich verstehe was dich so tief bewegt! Der Krieg hat alle Hilfsquellen und Mittel zerstört. Die Infrastruktur des Landes wurde in Schutt und Asche verwandelt und es wird noch lange Jahre dauern bis alles wieder aufgebaut wird. Wer weiß wann unsere Fabriken wieder produzieren werden. Von dieser Seite können wir keine Hilfe erwarten! Bis München ist es zu weit um von der amerikanischen Armee Hilfe zu bekommen. Die Eisenbahnen sind alle zerstört mit samt den Schienensträngen und die Straßen sind noch nicht fahrbar. Selbst wenn, eine Hilfe von dort würde zu spät kommen.“

   „Du hast recht, Felix! Das ist die traurige Wirklichkeit! Sie ist hart, aber eine Hoffnung haben wir dennoch...“

   „Welche Hoffnung ist das, Arnold? Fragte der junge Baron hastig?“

   „Die einzige Hoffnung ist für uns die „Apotheke Gottes!“

   „Welche, wessen Apotheke?“ Fragte der junge Baron bestürzt...

   „Ja, Felix, du hast gut gehört! Es ist die „Apotheke Gottes“, es ist Mutter Natur, denn sie ist überall!“

   „Aber, Arnold, bist du Arzt oder Zaubermeister? Rief der junge Baron ganz verwirrt aus.

   „Felix, ich bin dein Freund! Du kannst dein volles Vertrauen in mich setzen, ich heiße nicht umsonst Waldheim. Im Wald bin ich zu Hause.“