Scholten, der Ort wo meine Wiege stand

Heimatbuch Scholten, der Ort wo meine Wiege stand. – bebilderte Monographie, deutsch.

M. M. Binder-Scholten

Heimatbuch

 

 

Scholten, der Ort wo meine Wiege stand

liegt in Siebenbürgen, Rumänien, in einem Seitental, am linken Ufer der Großen Kokel.

 

Karlsruhe 1998

 

 

 

 

 

Widmung:

“Theoretisches Wissen soll durch Bilder vervollständigt werden, um den Nachkommen das „Gestern“ über das „Heute“ für die Zukunft weiterzugeben.” Im Sinne dieser weisen Worte möchte ich auch die Widmung dieses Buches zum Ausdruck bringen und von ganzem Herzen allen Nachkommen unserer Scholtnerlandsleute, sowie den meinen widmen. Diese soll ein treues Andenken sein, an unsere Urahnen, die vor über 750 Jahren aus dem einstigen Urwald eine schöne Siedlung, ein neues Dorf schufen, das über eine ausgedehnte Bodenfläche verfügte, die zu der Zeit in Siebenbürgen den dritten Platz einnahm, nach Salzburg und Stolzenburg. In der Zeit seiner höchsten Verwaltungs- und Wirtschafts= Bedeutung, grenzte der Scholtner Hattert an zwölf Nachbardörfer an.

 

 

 

Motto:

„Diese deutsche Erzählung ist, so meine ich, eine politische Erzählung, und läßt also unser deutsches Schicksal sehen, so wie es ist, wie es Schulen und Parteien, freilich nicht lehren, weil sie es weder können noch wollen. Wem dürfte ich dann anders das Buch zuschreiben als meinen toten Eltern, meiner Mutter zu meist und meinen zwei Kindern, voran meinem jungen Sohn, zwischen denen ich Glied bin in der Kette und durch die ich zu meinem Volk gehöre.“

 

Hans Grimm, „Volk ohne Raum“.

 

 

Geleitwort.

Dieses Geleitwort sollte in gewisser Weise einem anregenden Anlaut unterliegen, sowie einem Leitmotiv, um die Leserinnen und Leser für das Kommende einzustimmen, wie es bei einer musikalischen Darstellung das Präludium oder die Ouvertüre tut und durch dieses spielerische Vorgreifen den eigentlichen Genuß der Lektüre steigert, auch dann, wenn in unserem Fall diese Steigerung von einer gewissen Dosis Wehmut begleitet sein wird, wie von einem roten Faden. Vielleicht wird diese Steigerung bei einem oder dem andern gar nicht aufkommen, weil dieses Heimatbuch ihnen nichts oder sehr wenig zu sagen hat. Warum liebe Landsleute, weil sie sich ihrer Heimat, ihrem Heimatort entfremdet haben. Doch die älteren Generationen werden auf die selbe Lektüre empfindsamer und mit mehr Heimweh reagieren, denn sie sind noch mit unzähligen unsichtbaren Fäden an die alte Heimat gebunden, sogar ganz eng verknüpft!

Schon bei einer zufälligen Erwähnung ihres Heimatortes, Scholten, regt sich die Erinnerung und löst bei so manchem Landsmann ein wehmütiges Lächeln aus, begleitet von einer unbeschreiblichen Regung emotionaler Gefühle. Der auf diese Weise in Erregung versetzte Leser oder Leserin guckt bedenklich in die Ferne, seufzt verhalten und denkt resigniert an das "Leben von Damals“...

In Gedanken wiederholt er diese magischen Wort mehrmals und bei jeder Wiedeholung schwingen auch die höheren Harmonien wehmütiger Erinnerungen mit. Plötzlich taucht ein Bild auf, es ist weit weg in der Ferne. Unser Leser reibt sich die Augen und wiederholt die magischen Worte noch einmal, dann bejaht er die vernommenen Worte: Dort weit weg im Süden, liegt das Hochland Siebenbürgen, diese reiche "Wasserhaus" jenseits der Wälder, diese "Corona montium", nach der schon die Römer und adere Völkerer ihre gierigen Hände ausstreckten um es zu berauben, sich seines Goldes aus den Westkarpaten zu erfreuen. Es ist das selbe Land in dem die Siebenbürger Sachsen einst zu Hause waren, aber heute ist es so weit entfernt, dort am Schoße der Karpaten.

Der Begriff „Damals“ ist banal und dennoch reich an Bedeutung für uns, weil er aussagt, daß eben das was dieser zum Ausdruck bringt unwiderruflich verloren ist für uns Scholtner, wie auch für alle Siebenbürger Sachsen. Warum? Hier sei mit Verlaub gesagt, weil dieser kurze Begriff „Damals“ einmal ein und alles für die Siebenbürger Sachsen war! Ein Universium für sich das unsere Heimat war und alles für uns ausmachte...

Auch für uns war Scholten „Damals“ ein und alles! Es war unser Heimatort in Siebenbürgen, der Ort wo unser aller Wiege stand, wo die Mutter sich zärtlich beugte über das Wiegenland und sich erfreute an dem ersten Lächeln ihres Kindes, an seinem ersten „Lalalen“, an den ertsten Lauten, bis hin zu dem ersten Wort „Ma-ma“, ein Wort auf das alle Mütter so sehr warten. Nun war aufeinmal Scholten nicht mehr das, was unsere Urahnen vor über 750 Jahren aus im machten. Auch damals lag es fast verschlafen, in einem Seitental, am dem linken unteren Ufer der Großen Kokel, umrankt von bewaldeten Hügeln und Bergen. Aber unsere Urahnen standen zu ihrer Zeit unter einem günstigeren Stern. Ihr Stern und Wegweiser hieß Zukunft, aber der unserige heißt unwiederrufliche Vergangenheit und liegt genau an dem entgegengestzten Pol.

Unser Heimatsdorf befindet sich geographisch auch heute an dem selben Ort, das kann man nicht ändern oder abstreiten und dennoch hat sich so vieles geändert. Unser altes Heimatsdortf das uns so traut und heimisch war, zeigt uns heute so viele fremde Gesichter. Es sind die vielen verfallenen sächsischen Häuser, ruinierte verödete Hoffstelellen, Zäune die auf müden Krüken hängen und viele altsächsische Heimstätten die von Unkraut überwuchert sind. Die sächsischen Gassen im Dorfkern sind öde und leer, die Nächte stumm, denn niergeds mehr hört man das verliebte Geflüster der jungen Generation am Gassentürel, im Schutze der Nachtschatten an den Torbogen oder auf der alten Bank an der Gassenfront: „ Dea Maio ech hun dech äsi gärĕn, dåt`ich nimih liëwĕ kun ängnĕn dech“, oder das fröhliche Singen der Dorfjugend begleitet von einer diatonischen Zieharmonka sowie diese der Zackel Marz einst in Scholten spielte bis Mitternacht, daß sie über das Dorf schallte. Aber niemanden störte das, denn Musik bedeutete Leben, weil sie Freude spendete, weil sie den Menschn veredelte: "Wo man singt da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder."

In den unruhigen Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg musste auch unsere Familie Scholten verlassen, um in der gegebenen unsicheren wirtschaftlichen Lage überleben zu können. Nach 1950 zogen wir einer nach dem andern nach Hermannstadt und im November 1952 war es dan so weit Unsere Familie hatte in Hermannstadt ein neues zu Hause gefunden. Und dennoch bleibt auch für mich Scholten der Ort meiner Heimat, der Ort wo meine Wiege stand, wo ich die Zeit meiner Kindheit und Pubertät verbrachte, dort oben in der Berggasse unterm Wehrwald.

Dorthin führen mich die ersten Erinnerungen zurück in das Haus Nr. 394 zu meinen Eltern und Geschwistern, zum Binder-Kanter Großvater, dem ich hilfsbereit nachlief, ihn aber umsomehr verwirrte. Da sind auch die Verwandten: Pitzonkel, Rejintante (erine geb. Balik) und Kathie unsere Cousine, die mit uns auf dem selben Hof lebten. Als nächste Nachbarn sind da Familie Dörr Peter, genannt Fichĕnpitz, der Kirchenkurator, für uns als Kinder aber waren die beiden „dĕ Fichĕngiåd uch dĕr Fichĕnpåt“, der Sohn Pitz und die Schwiegertochter Maria (geb. Reichhart) und deren erstgeborene Tochter Hertha, danach kamen noch Rosi und Traute dazu. All diese Bilder gehören zu den Erinnerungen meiner frühen Kindheit. Ja, sind das all meine Erinnerungen. Wo bleiben die andern Zaunnachbarn, der badea Pavel und die Lele Ana, in deren Hof und Garten wir so oft spielten und Fallobst essen durften.

Ich vertiefe mich noch mehr in den Strom der Erinnerungen und plötzlich ist unser Hof belebt, wie in meiner Kindheit. Um den dicken Maulbeerbaum stehen unsere Spielgefährten aus der Nachbarschaft und schreien: „He, gäw uch as vun den däckĕn Iërplĕn!“ Dann gucken sie sich gegenseitig an und lachen. Sie sehen aus, wie die zum Kampf gerüsteten Indianer: Von oben bis unten nur schwarze Kleckse von den überreifen Beeren...

Geht man aber heute durch die Dorfgassen entlang erkennt man sie nicht mehr. Besucht jemand die alte Heimat in Begleitung seiner eigenen Kinder oder Enkelkinder so kann er wehmütigen Überraschungen nicht entgehen. Kinder sind Kinder, neugierig aber Intelligent: „Mama“, fragt klein Emma, „was sind das für fremde Laute die man da hört, es klingt wie damals als wir in Venedig waren, aber es ist nicht Italenisch.“ Dann fragt auch Hansi, der Enkelsohn: „Opa, was ist das für eine Sprache, ich kann nichts verstehen.“ Das ist unsere Zukunft die uns von "Damals" trennt!

Als Eltern oder Großeltern erkennen wir mit Bedauern, daß schon unseren nächsten Nachkommen, unser Heimatort fremd ist und ihnen nichts mehr vermittelt. Diese Tatsache muss uns zum Nachdenken anspornen, um mit allem Ernst daran zu denken: Was hinterlasse ich oder wir unsern Kindern und Kindeskindern, dass sie anregt mit grösserem Interesse an ihre alte Heimat und Herkunft nachzudenken. Jedes Elternpaar weiss aus Erfahrung, dass alle Kinder Bilderbücher gern mögen. Ihr lieben Landsleute halten wir uns an diese Erfahrung und machen, für unsere Nachkommen, ein bebildertes Heimatbuch. Aus Neugierde werden sie ein solches Buch öffnen, umblättern, die Bilder angucken, bekannte Gesichter entdecken und so steigert sich das Interesse, sie fangen an zu lesen, zu verstehen und bis zuletzt kommt auch Freude auf über eine solche Lektüre.

Wagt man eine längeren Gang durch das Dorf, dann wird man unangenehm überrascht von den Bildern die sich einem, in ihrer trostlosen Lage darbieten. Geht man weiter, befindet man sich plötzlich bei der Bergbrücke, überschreitet sie und schon staunt man, wie wüst und vergammelt diese Gasse aussieht: Der Hermann Hof und der Aber Hof beim Weidebrunnen ist öde, überall wuchert Unkraut, verlassen ist auch der Moser Hof, dann weiter der Dörling Hof (Fichĕn Hans) beim Grannabrunnrn und der Schneider Hof nebean sind beide leer. Am Bergel wo der Hohlweg zwischen dem Spitzen- und dem Hammerberg in die „Nauen“ führt, steht kein einziges Haus mehr; beginnend mit dem Hermann (Pitiken Thumes) Hof, Hertel (Kätzki) Hof, Fielker (Busduganen) Hof, Rausch Hof, Kirschner Hof, Dörling (Miëllner Mai) Hof, Reich (Fritzen Hans) Hof, Fielker (Busduganen Thumes oder Benengĕn Maimean) Hof, nichts mehr steht auf diesen Höfen. Auch weiter bergan wird es nicht besser. Auf der anderen Gasseseite sind eben so viele Lücken. Der Hermann (Getzen Thumes ) Hof, der Hütter Hof, der Dörr (Fichĕn Pitz) Hof und nebenan der Binder- Kanter Hof, alle sind sie verlassen. Dort wo einst die Toreinfahrt in den Hof führte wo mein Elternhaus stand, steht heute ein Zaunphal umrankt von Stacheldraht, den sogar die Hunde meiden...

Abseitsgelegen von den Hauptverkehrswegen, Landstrasse und Eisenbahn, war es unser Dorf, unsere Heimeit, denn so abgelegen wie es war, wurde es im Vergleich zu anderen Ortschaften, längere Zeit verschont von negativen Einflüssen von aussen und konnte auf diese Art und Weise die traditionellen Sitten und Bräuche aufrecht erhalten. Selbst die einheimische Mundart des Dorfes hat in all den Jahrhunderten, fremdem Einfluss standgehalten und ihren ursprünglichen etwas archaischen Charakter gewahrt. Nach gewissen Informationen heißt es, daß die Scholtnermundart mehr aus dem Norden Deutschlanmds stammt, weil diese dem angelsächsischen und altenglischen Dialekt sehr nahe kommt. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht! Auf meinen Reisen hin und her habe ich Luxenburger Bürger begegnet und wir konnten uns unserer sächsischen Mundart sehr gut verständigen.

Scholten ist mein Geburtsort und das Dorf meiner Heimat und Kindheit. Hierher führen mich die ersten Erinnerungen an meine Familie, Verwandten und Nachbarn; an meine Spielgefährten sowie an meine Urväter. Meine Urahnen kamen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nach Scholten. Heute ruhen sie alle an de Hill. Als Großvater, väterlicher Seite, verstarb hatte ich das fünfte Lebensjahr kaum überschtritten und dennoch kann ich mich gut daran erinnern was er zu mir sagte: „Mein Junge du darfst niemals vergessen: In unserer Ahnenreihe bist du Mathias der V. und dein Name bedeutet in hebräisch, „ein Geschenk Gottes.“

Nach den beiden schwersten Prüfungen der Siebenbürger Sachsen, nämlich 1945 die Deportation nach Russland und 1949 die völlige Enteignung, suchte ein jeder nach einer Möglichkeit zu überleben. Ab 1950 wurde Hermannstadt meine zweite Heimat und von dort erfolgte 1992 auch die Aussiedlung, nach Deutschland, mit der ganzen Familie. Aber hier, in dem alten Mutterland, wurde mir erst bewusst, wie eng die Bindung zur alten Heimat war und geblieben ist. Um diese Bindung an meinen Heimatort, diese Gemeinschaft in der Verstreuung Deutschlands nicht völlig brechen oder verfallen zu lassen, suchte ich auch in meinen Träumen nach einem Ausweg und fand ihn, indem ich mich an die folgenden weisen Worte erinnerte: „Theoretisches Wissen soll durch Bilder vervollständigt werden, um den Nachkommen das „Gestern“ über das „Heute“ für die Zukunft weiterzugeben.”Diese Worte gaben mir Mut und neuen Ansporn zum Schreiben! Meinen innigsten Dank schulde ich für diesen Ansporn meinem Vater, Mathias Binder /Kanter sen. Aus seinem fast hundertjährigen Leben und Erfahrungen durfte ich im Vollen schöpfen.

Nach den schrecklichen Erlebnissen während der Deportation und die darauf folgende Enteignung, waren viele sächsische Familien gezwungen ihre Heimatdörfer zu verlassen um Arbeit zusuchen. Schon ab 1950 suchte unsere Sippe Arbeit in Hermannstadt, nicht nur die Familie. Also wurde diese alte Stadt unsere neue Heimat. Ohne mich zu irren kann ich sagen, daß zur Zeit die in Deutschland lebenden Nachkommen väterlicher Seite über 70 Seelen zählen und die müterlicher Seite über 40, also eine zahlreiche Sippe.

In meiner zweiten Heimat, Hermannstadt, habe ich das Gefühl der Entwurzelung niemals so tief empfunden, wie nach unserer Ausreise, in Deutschland. Hier wurde mir erst klar bewußt, wie lebendig die Bindung zu der alten Heimat meiner Kindeit war. Um diese Bindung auch weiterhin aufrecht zu halten in meiner "Wahlheimat", Karlsruhe, und meine Freiezeit als Rentner mit etwas nützlichem auszufüllen, griff ich zurück auf meine lieblings Beschäftigung, Lesen und Schreibe, den Kunst im Allgemeinen war meine bevorzugte Beschäftigung. Musik, Bildendekunst, insbesondere Modelieren und Schreiben...

Am Anfang der 90er Jahre fing ich wieder an Gedichte zu schreiben, Erzählungen über die Kindheit meiner Kinder, machte Projekte für meine zwei ersten Romane und parallel zu dieser Beschäftigung sammelte ich, im Alleingang, brauchbaren Stoff und verschiedene Informationen für ein Buch, dass als "Chronik der Familie Binder/ Kantĕr" gedacht war. Innerhalb meiner Familie warb ich um Mitarbeiter, aber es drängte sich keiner mitzumachen. Doch als Vater verstanden hatte was ich vorhatte, konnte ich mich auf seine Unterstützung verlassen. Nachdem er trotz seines hohen Alters, über 90 Jahre, die "Kleine Scholtner Chronik" erzählt hatte, die ich dann Mundgerecht niederschrieb, kam ich leichter voran mit meinem Vorhaben.

Ich bedaure es aufrichtig, daß die HOG-Scholten sich so spät an mich erinnert hat, daß ich schreibe und Lust an dieser Beschäftigung habe wusste auch mein Bruder Michael sowie andere Landleute. Nun sind die Aufsätze/ Informationen über verschiedene Aspekte des ehemaligen Lebens in Scholten, welche ich mir von Anfang an, in meinem Struktur-Plan festgelegt habe, schon über 95 % von mir selbst fertig geschrieben worden, denn es sind bald 15 Jahre vergangen seid ich Aufsatz für Aufsatz schreibe um die gesammelten Informationen besser zu verwertnen. Sollte uns gegenseitiges Vertändnis und Vertrauen begleiten, dann kann die HOG-Scholten dennoch auch mit Weiterem zur Bereicherung des Heimatbuches beitragen, indem sie mir druckreifes Material über ihre Aktivität zuschickt, sowie beschriftete Bilder/Fotographien aus unserm Heimatort, den stumme Bilder sagen nichts aus.

Als Rentner, in Deutschland angekommen, hatte ich eine Menge Zeit, mit der ich unbedingt etwas anfangen musste. Trotzdem ich in der alten Heimat, ein Leben lang technisch – wirtschaftliche Büroarbeiten, auf verschiedenen Baustellen des Landes, für Bauanlagen und Montage, geleistet hatte, blieb Literatur und Poesie auch weiterhin mein Lieblingsfach oder meine „Erste Liebe.“ Die Musen hatten viel Verständnis für mein langes ausbleiben aus ihren Hörsälen und schönen Gärten, wo die Darbietungen der Lyrik und Romantik stattfinden und das war eine echte Chance für mich.

Ich fing an zu schreiben, der Anfang war zaghaft schüchtern und unsicher, doch ich schrieb aus Liebe zur Poezie und Literatur. Vor allem aber war ich beschäftigt und konnte meine reich vorhandene Zeit mit etwas Vernünftigem ausfüllen. Es war der beste Weg den ich als Rentner beschreiten konnte. Bewusst oder unbewusst geschieht es oft, daß sich Bilder aus der Vergangenheit mit denen aus der Gegenwart überlagern, wie Blitzbilder. Es macht einfach Klick und schon sind sie da, weil diese schon von Kindheit an, schön geordnet in unserm Gedächtnis gespeichert worden sind. Viele Aufsätze welche dieses Heimatbuch beinhaltet stammen schon aus den 1990er Jahren und noch früher. Wo immer sich eine Gelegenheit oder Möglichkeit ergab habe ich Informationen gesammelt zusammengetragen mit der Absicht einmal ein Buch daraus zu machen. Auch wenn ich mich wiederhole, muss ich dennoch meinem Vater, Mathias Binder/Kanter sen. danken. Sein klares denken auch in hohem Alter war ein Ansporn für mich. Er war es der mir mir immer wieder Mut machte, wenn sich mir scheinbar unüberwindliche Schwirrigkeiten in den Weg stellten, denn Mißtrauen, Mißgönnen, Mißachtung und all die anderen „Missis“ waren oft meine Wegbegleiter: "Nå säch he wåt diësĕr Kantĕr äm Sän hot, hië auch Bäjĕr schrewĕn“!...

Aber all den Hindernissen zum Trotz blieb für mich das Schreiben die einzige Möglichkeit die Bindung zu der alten Heimat nicht ganz zu vernachlässigen, zu vergessen. Diese Bindung musste wach bleiben. Mit jedem Gedicht, mit jeder Erzählung die ich niederschrieb, wurde mir mehr und mehr bewuass, wie wichtig es ist all das Geschriebene und andere gesammelte Daten über die alte Heimatgemeinschaft, in einem Buch festzuhalten und zwar in einem „Heimatbuch“, weil das Wissen über Scholten, sein gesellschaftliches Leben, Erinnerungen und Begebenheiten dieser über 750 Jahre alten Ortschaft nicht vergessen sein sollten; nach urkundlichen Daten wurde diese schon um das Jahr 1248 erwähnt. Aus diesen Urkunden geht hervor, dass Salencen (Scholten) schon seit längerer Zeit im Besitz der westlich von Arad gelegenen Egrescher Abtei stand.

Um einer solchen Aufgabe gerecht zu werden hatte ich mir von Anfang an vorgenommen Mitarbeiter anzuwerben, welche für verschiedene Sachgebiete Verantwortung übernehmen könnten, weil die Herausforderung eines solchen Werkes nicht eine geringe ist, weil es hier nicht nur um Literatur allein geht, liebe Landsleute. Es verlangt auch ein gutes Mass an PC Wissen und das ist ein ganz neues Gebiet für mich. Darum ist es von grosser Bedeutung, wenn es den verschiedenen Mitarbeitern nicht um materiellen Gewinn geht, sondern etwas offen und von ganzem Herzen für die Heimatgemeinschaft zu tun. Weiterhin möchte ich unterstreichen, dass ein solches Buch nicht pur dokumentarisch gedacht ist, weil auch die Sachgebiet – Verantwortlichen keine Ansprüche auf eine wissenschaftlich fundierte oder lückenlose Beschreibung erheben können. In einem solchen Heimatbuch geht es mehr um die Sicherung von mühevoll gesammelten Daten, Schilderungen und Informationen in Wort und Bild über das Leben der Gemeinde Scholten, ihre Traditione, Sitten und Bräuche...

Ein solches Buch verfolgt vor allem den Zweck dem Zusammenhalten zu dienen und das Gedeien eines positiven Zusammenhaltens im Denken und Hoffen von ganzem Herzen zu fördern, um all unseren Heimgegangenen die ihre Ruhestätte in Scholtnererde fanden, aber auch denen die in fremder Erde gebettet wurden und werden, weit weg von der Heimaterde, dieses Buch zu widmen. Es wäre sehr erfreulich, wenn die Scholtner Landsleute sich auch weiterhin um ihre Kirchenburg und den Friedhof kümmern würden und dort eine Gedenktafel anbringen könnten mit der Inschrift „In unserm Herzen lebt ihr weiter.“ Hoffentlich wird dieser fromme Vorsatz einmal ein Buch, wo Erinnerungen und Wissen über Scholten in schriftlicher Form festgehalten worden sind. Auch dann wenn dieser Vorsatz und innige Wunsch mangelhaft ausfallen sollte, ist es dennoch besser als gar nichts zu machen.

Vielleicht klingt es für so manchen anmassend, wenn ich mich als Schriftsteller bezeichne und dennoch schäme ich mich nicht es zu tun. Seitdem ich nicht merhr Büroarbeiten schreiben muss, sondern als Retner mich mit Belletristik und Poesie befassen konnte, habe ich viel dazu gelernt. Im Jahre 1999 konnte ich bei „Tribuna Sibiu“ einen Band Gedichte in rumänischer Sprache veröffentlichen, ein Jahr darauf erschien bei dem selben Verlag mein erster Roman in rumänischer Sprache, „Din viaţa unei femei.” Geschrieben habe ich auch nachher, aber das Veröffentlichen eines Buches, wurde auch in Rumänien immer aufwendiger. Und dennoch, meine drei Mentoren oder Geistigenleiter, aus Hermannsatdt welche mir auch beim Veröffentlichen der ersten Bücher freundschaftlich zur Seite gestanden hatten, leisteten mir auch weiterhin hilfreichen Zuspruch und dieser kam genau zur rechten Zeit. Dafür spreche ich Herrn Oberst Dr. Ion Dinu, Kommandant des Militärkommissariates Hermannstadt, Herrn Oberstleutnant Dr. Ion Ciparu, Adjunkt, von Scholtner Herkunft und Herrn Ioan Onuc Nemeş, Journalist, meinen innigsten Dank aus. Sie, alle Drei, machten mir Mut und stärkten mein Selbstvertrauen.

So schrieb ich weiter an dem schon seit längerer Zeit angefanfgenen Heimatbuch und anderen Büchern, nämlich: zwei Romane und eine Erzählung in vier Teilen, mit sozial-wirtschaftlichem Charakter, in rumänischer Sprache, „Das Gehemnis des Medaillons“ ein Roman in deutscher Sprache und eine Sammlung von 100 eigener Gedichte in Scholtnermundart und Schriftdeutsch. Heinrich Böll drückte sich bezüglich des Schreibens treffend aus: „Sich erinnern ist eine Kunst, doch Schreiben eine ganz andere.“

Die Mundartpoesie hat ihre Anfäge schon längst überschritten, doch all diese Leute hier aufzuzählen, die sich mit solcher Poesie befasst haben, daß wäre sinnlos. Aber manche von diesen Mundartschrifstellern oder Dichtern sind mir besonders nahe: Schuster Dutz, Adolf Meschendorfer, Otto Pirringer, insbesondere Karl Gustav Reich habe ich wiederholt und gerne gelesen, weil das von ihnen geschriebene fröhlich und frei macht.

Ich möchte nicht vergessen was Viktor Kästner sagte. "Wa ech såll net såchsesch riëdĕn?" Er war berechtigt diese Frage zu stellen, denn es gab zu viele die sich von unserer Muttersprache abwenden wollten. Jeder echte Sachsensohn darf nicht vergessen was er von seiner Mutter gelernt hat. Hochdeutsch haben wir erst in der Grundschule gelernt! Wenn wir die geschichtliche Entwicklung des Schulwesens eingehender betrachten, dann kommen wir gar bald zu der Einsicht, daß unsere Vorfahren ca 150 Jahre zurück auch in der Schule sächsisch gesprochen und gelernt haben...

 

Der Verfasser

 

 

Zur Einleitung

Schärrhiubĕskĕr.

Wåt nea ĕ Schärrhiubĕskĕn es

Dåt wïß ĕ jed Såchs doch gĕwäß.

Ech wïß ĕt uch sänkt`ech wår klïn,

Bĕkunnt wår`n sĕ än dĕr Gĕmïn.

Kom wår`n sĕ fertij gĕbåckĕn,

Schiun fälldĕ`sich as da klïn Båckĕn.

Denn åls Kängd hådĕ`mĕr klïn Hoingd,

Ståptĕn åwĕr ållĕst`täschĕn dĕ Zoingd...

 

Dĕ Zekt kum änd geng schniëll vĕrba,

Ech word griëßĕr, lihrt noch dĕrzea.

Wa ech ĕrwosĕn wår, geng dĕrvun,

Hun ech villët zĕ hirĕn bĕkunn.

Dåt hålt uch dĕ Schärrhiubĕskĕn

As net ängdĕn geat schmåckĕn:

Ïst siën`sĕ hårt, roßij uch bättĕr,

Drä påßt iënĕm niëmĕl`t Wäddĕr.

Ĕn undĕr Mäl Hu`sĕ zĕ vill Sålz,

Ĕm bĕkit`sĕ hålt kom än Hålz.

 

„Woram?“ Hun ech spetĕr ĕrfohrĕn!

Hålt iënĕr es sich net äm Klorĕn,

Wåt hië måchĕ`såll me`m Schärrĕbriut,

Dunn wunn hië mïnt: „Ĕt es nichĕn Niut.“

Wiël hië geat wïß: „ Diët träft mengĕn Gïst!“

Kritik uch liåwĕn es ĕn Angdĕrschid,

Wunn`t ïnt ĕrwäscht gor schwer vĕrgiht.

Schärrhiubĕskĕr zĕsummĕngĕkråtzt

Ious Kritik vĕrschlän iënĕm dĕ Låst,

Wiël`t ba villĕn dĕt Gĕmat bĕkritt,

Undrĕn åf dĕ Hiëhnĕrujĕn tritt.

Hålt iënĕr vĕrdrid`ĕt gunz gĕmeßich

Iënĕm undrĕn reart sich åf dĕ Gåll,

Di krescht: „Diët es chä amejlich!“

 

Dĕn Originaltext vun diësĕm Gĕdicht, schriw 1936 Otto Piringer. Iwĕrschriwĕn än Scholtnĕrdialekt hod`ĕt M. M. Binder-Scholten, än Karlsruhe – Neureut, äm Gähr 1993.

 

Schärrhiubesken.

Was nun ein Schärrhiubesken* ist,

Daß weiß jeder Sachse doch gewiß.

Ich weiß`es auch seit ich war klein,

Bekannt war`n sie in der Gemeind.

Kaum war`n sie fertig gebacken,

Schon füllten sich unsre kleinen Backen.

Als Kinder hatten wir kleine Hände,

Stopften aber alles zwischen die Zähne...

 

Die Zeit kam, ging schnell vorbei, im nu!

Ich wurde größer und lernte dazu.

Als ich erwachsen war, ging davon,

Habe ich vieles zu hören bekomm`n.

Daß halt auch die Schärrhiubesken,

Uns nicht immer gut schmecken:

Einmal sind sie hart, rußig und bitter,

Dann paßt einem kein Gewitter.

Ein anders Mal haben sie zu viel Salz,

Man kriegt sie halt kaum in den Hals!

 

„Warum?“ Habe ich später erfahren,

So mancher ist sich da nicht im klaren.

Was er machen soll mit einem Schärrbrot,

Dann wenn er meint: „Es ist jetzt keine Not!“

Weil er`s gut weiß: „Das trift meinen Geist,“

Kritik und Lob ist ein Unterschied, ich weiß!

Wenn`s einen erwischt gar schwer vergeht.

Schärrhiuberker zusammengekratzt : Just,

Aus Kritik, die verschlagen einem die Lust!

Weil`s bei vielen das Gemüt bekritt,

Andere auf die Hühneraugen tritt,

Manch einer verträgt es ganz gemäßicht,

Einem andern sich die Galle verschütt,

Der kreischt: „Das ist unmöglich!“

 

* Brötchen aus Teigresten, aus der Mulde zusammengekratzt.

Den Originaltext von diesem Gedicht, schrieb 1936 Otto Piringer. Überschrieben in Scholtnermundart und Schriftdeutsch hat es M. M. Binder-Scholten, in Karlsruhe – Neureut, im Jahre 1993.

 

Ode un dĕ Ahnĕn

Ious dem hiuĕn Nordĕn Diëtschlunds ziucht ihr ious, meng Ahnĕn!

Vollĕr Mah uch Gĕfohrĕn wår dĕr Wiëj den ihr`ich moßt bahnĕn,

Durch da awiëjsĕm wåld Loingdĕr, åf ihrĕn lunkĕn Fiahrtĕn,

Wiël, dä än dem ĕrdrïmtĕn Lund, Herrĕnårbĕt åf `ich wiårtĕn.

Ihr Mead wår griuß, diëf der Drong, dea`ìch ulockt der Frauhit Scheng,

Diårt än färĕn fremdĕn Loingdĕrn zĕ fångdĕn Reah uch‘ën Hïm si feng!

 

Un dĕr Nordsee, än Niëdĕrsåchsĕn, än Frankĕn uch Flundĕrn,

Diårt feng‘et un, viår fåßt nenghangdĕrt Gährĕn, dåt griuß Wundĕrn,

Dët Säckĕn näh Liëwĕnsrom, dea stulz iousziuch ihr Wojĕnzeach,

Än Fraudĕn uch Fleß zĕ bĕrïdĕn dåt nau Lund fiår dĕ Pleach;

Äm Vĕrtran åf ën frau Liëwĕn diårt än dem si färĕn Lund,

Fär ĕwej, diårt äm Südĕn, fär vun dĕr Nordsee gräĕm Strund.

 

Dĕ mahvoll Fohrt da dioĕrt sihr Long, vill Gähr geng`t ängd wegtĕr,

Si munch håld ĕ grä Hift moßt nïjĕn sich viår Gottĕs Eltĕr.

Doch ihr gåft wegtĕr dĕ Hoffnĕng åf dåt hiësch Lund äm Südĕn,

Uch wunn`ich schwer fial dĕ Trannung vun ihrĕn Lawĕn haniëdĕn!

Kriëz uch Grawĕshijĕl zijnĕtĕn ihrĕn Wiëj änd bliwĕn,

Ihrĕn Nähkun åls Dinkmälĕr gĕsåtzt åf frëmdĕn Wisĕn!

 

Nor mehlich kumt ihr viårun mët ihrĕm schwerĕn Wojĕnzeach,

Longst dĕ Fran, Kängdĕn uch Grëisĕn diësĕr uch ihr Sätgeat dreach,

Iwĕr äsi fåndlich wegd Feldĕr, wä stall steandĕn dĕ Zegdĕn!

Ihr Niut da wår si griuß ĕt kum oft zĕ bleadijĕm Stregdĕn,

Dåt geliåft Lund wår si fär, näh dem ihr Kängd oft frejtĕn;

Fär, färĕwej fiår ållĕn, låj ĕt um Foß dĕr stulzĕn Karpatĕn!

 

Ĕ Lund voll Berj uch Tollĕr, wä ïst Miërwogĕn hiuiåwĕn,

Amsprätztĕn dĕ Siëlĕn dĕr Wålddome mët schadijĕm biåjĕn;

Wä Vijĕltschĕr sungĕn änd rioscht dĕr Flåß äm naussĕn Gĕwund,

Drä wåld driëmmĕrnd stürzt än dåt diëf Tol, iwĕr dĕ Felsĕnwund.

Da äm Greangd vĕrwurzĕlt, doch äm Drong zĕm Lächt noch hechĕr giht.

Sich drä vĕrïnt danĕnd fäjt dem Hechĕrĕn wåt driwĕr stiht!

 

Ĕ siëhnlich Wängsch, ën Drum, di glech iënĕr „Fata Morgana“,

Fiår ech ållĕn sull åf Ïërden werdĕn, ĕn nau „Kaana.“

Da stinĕrn Zinnĕn äm Äwĕndhiëmmĕl gäldĕn Åfgĕbat,

Sĕ wänktĕn schiun ious dĕr Fiërd äsi hïmĕtrau uch vĕrtrat!

Ĕt riëfĕn dĕ Tollĕr, dĕ Berj, da hiu Felsĕn äm Gräĕn,

Wåt fiår ĕ Mängsch kaingd diësĕm hïmĕschĕn Rofĕn wederstähĕn!

 

Vĕrlässĕn hod ihr ĕt, dåt hïmĕtlich Norddiëtschlund, dĕ Greangd,

Diårt wä senkt Zegdĕn dĕ Wäj dĕr Urvätĕr uch ihr Wäj steandt!

Wä urålt Wäldĕr amschlångĕn si traut dĕn åldĕn Rhein gor feng,

Un dĕ‘Berjhengĕn Riëwĕn wosĕn änd gäldĕn blaht dĕr Weng.

Uch‘t strohlĕnd Nordlächt iwĕr Gährtiosĕnd sengĕn Groß schäckt än‘t Hious,

Än dĕt Lund dĕr Germanĕn, vun dem ïst schriw Tacitius!

 

Näh wëisĕr Bĕrädung äm „Thing“ bĕgåft ihr‘ich ĕf dĕ Rïs,

Foljĕnd dĕm Rof ious Angĕrn, vum Kiënĕng Gaysa, mët vill Vĕrhïß,

Hie’ich bĕriuf än seng Lund åls Grenzschutz uch zĕr Lundĕswiëhr,

Gejĕn da fåndlich Hordĕn dĕr Tatarĕn uch Tirkĕnhiër!

Än dem hiëschĕn Lund dåt‘ich gauw dĕr Angĕrkiënĕng zĕm Lehĕn,

Sullĕn vill frau uch blahĕnd såchsesch Siëdlungĕn ĕnstähĕn!

 

Näh longĕn Fohrtĕn ziucht ihr drä ën, än dåt verhïßĕn Lund ,

Um Miërĕsch, um Ålt, un dĕ Keakĕln, Zibin uch äm Burzĕnlund.

Än den nauĕn Siëdlungĕn word gĕrodĕt di urålt Wåld,

Von Broos bäs Draas gĕwunn munch ën Dorf mih uch mih un Gĕstålt.

Dies ze machen hiescher än Fleß uch Gist, der Kieneng‘ich uvertrat,

Ihr Frauhit dĕrfiår hiëlich vĕrberjt håt än dem „Gäldĕnĕnbraf.“

 

Dĕ Zegdĕn gengĕn dähänĕn, ihr Schåffĕn dåt segnĕt Gott,

Bĕschätzĕn moßt ihr Wef uch Kängd, dea iwĕr‘ich kum dĕ Niut.

Äm Wirbĕl dĕr Vilkĕr da‘ich net ganntĕn dĕ Friëdĕn uch‘t Reahn

Uch iwĕr’ich kumĕn änd zĕrstirtĕn drä ihr friëdlich Dean.

Dåt blahĕnd Lund word uch sihr oft Brundstiftĕnd durchziåjĕn,

Åwĕr ech healf Gluwĕn, Breadĕrschåft, denn‘t Lund wår’ich gĕwiåjĕn!

 

Ihr bliwt zĕsummĕn äm Gluwĕn, Sittĕn uch dĕr Vätĕr Brioch,

Än Fraud, äm Legd uch wunn’ich vĕrfoljt dĕr negdĕsch Gäfthioch.

Trau healtĕt ihr dĕm Vulk uch dĕr Vätĕr Sproch uch Sitten:

Ën fest Burj, ën stårk Felsĕn, än Towĕndĕr Faundĕsmätten.

Zĕsummĕnhåldĕn, Breadĕrschåft uch Ïntrocht måchtĕn‘ stårk ihr Ort,

Ihr bliwt åls Vulk bĕstähn uch wunn’ich nichĕn Legd bliw ĕrsport!

 

Ihr Burjĕn da stijĕn noch hechĕr änd wordĕn felsĕnfest,

Åf ïnsĕmĕr Hihd thriunĕn sĕ uch hekt wa ën Ådlĕrnest!

Sĕ dantĕn‘ ich trau än Friedĕn uch Niut, sĕ wordĕn zĕr Wiëhr,

Äm Kåmpf am dĕ Frauhit, wunn’ich bĕdråht munch faundlich Spiër.

Burjĕn wordĕn gor vill åfgĕbat uch vĕrstraut ducht gunz Lund.

Näh den siëwĕn stulzĕstĕn hod ihr’t Siëwĕnberjĕn gĕnunnt!

 

Äm Kåmpf am dĕ Frauhit geng munchĕr Såchsĕngraf än dĕn Diud,

Ow hië nea hiëß Hermann, Honterus, Brukenthal åwĕr Riudh.

Vun Draas bäs Broos, vun Bistritz bäs åf Kliosĕnbrichs stulz Hehĕn,

Hiurt ĕm åll zĕ oft dĕs Vulkĕs Gĕschrau, seng schmerzlich Flehĕn!

Ĕt geng am dĕ Friedĕn, dĕ Frauhït uch‘t Riĕcht ä der nauĕn Hïmĕt

Ihr wullt net hun fremd Geat, der Kniechtschaft sät‘ĕr „Na“, wa’t sich gezimĕt!...

 

O, tea meng Siëwĕnberjĕrlund, tea meng derĕt Hïmĕtlund,

Ïwĕr neng Gährhangdĕrt meng Vulk, meng Vätĕr healtĕn diårt Stund,

Sĕ wullĕn bĕschätzĕn dech viår Faundĕn, Kräch uch griußĕr Niud;

Äm Gïst, än Kråft uch Liëwĕnsgĕfohr, ën Trau bäs ën dĕn Diud!

Sĕ wullĕn net schmochtĕn angdĕr främdĕm Joch uch Mocht,

Doch ärr meadijĕr Kåmpf hod’en nor Negd uch vill Legd gĕbrocht.

 

Meng Ahnĕn, ihr wullt liëwĕn än Friëdĕn, ållĕn zĕsummĕn,

Ihr frecht net näh Rasse, Nation, Religion, näh Numĕn.

Ihr wårt bĕschidĕn, dĕr Fleß fällt’ich Hof, Kallĕr uch Scherĕn,

Dåt fär Lund wår hiëschĕr wa ihr‘t kaingd Drïmĕn, rechĕr wa‘n Merĕn!

Ihr Trau, ihr Mead uch Fleß, wårĕn ållĕn Vilkĕrn geat bĕkunnt,

Åwĕr negdĕsch word ihr nor „Nemetzky“ dĕ Främdĕn gĕnunnt!

 

Meng Ahnen, näst kaingd‘ich erscheddern ihr bliwt ållĕn gor fest!

Doch wåt net schåfftĕn Zegdĕn, Tatarĕn, Tirkĕn, deit dĕ „Riud Pest.“

Sĕ ziëhrt un ihrĕr Frauhit, fråß ihr ålt Wurzĕln ållĕn auf,

Ängnĕn ihr hïmĕsch Scholle nium dĕt Vĕrhengnĕs sengĕn Lauf.

Vĕrdriwĕn word ihr vun dem vätĕrlichĕn Erwgeat, wåt wih did,

Wiël nor ën Ïërzfaund, ĕ gĕmïn Vĕrbrechĕr äsi‘n Sträf bĕkit!...

 

Entwurzĕlt uch vĕrlässĕn steangd ihr nea um Wiëjĕsrund,

Vun ållĕn ihrĕn Frängdĕn, vun den Näbĕrn word ihr vĕrkunnt!

Hårt moßtĕt ihr ĕt nea biëßĕn, o wåtfiår ĕ griuß Iërrtum,

Woram – wiël ihr durch dĕ Zegdĕn, „ich håt bĕkunnt zĕm Diëtschtum!“

Trau hod ihr gĕhauldĕn dĕm Wahlspruch: „Fidem gensque serwabo,“

Uch wunn am‘ech towtĕn dĕr Zegdĕn schrecklichĕs TOHUWABOHU...

 

M. M. Binder-Scholten

Karlsruhe- Neureut, Januar 1993

 

Ode an die Ahnen

Aus dem hohen Norden Deutschlands zogt ihr aus, meine Ahnen!

Voller Müh und Gefahr war der Weg den ihr euch mußtet bahnen,

Durch unwegsame wilde Lande, auf den langen Fahrten.

Weil, dort in dem erträumten Land, Herrenarbeit euer harrten!

Euer Mut war groß, tief der Drang, als euch lockte der Freiheit Schein;

Dort, in fernen fremden Landen, zu finden Ruhe, ein Heim!...

 

An der Nordsee, in Niedersachsen, in Fraken und Flandern,

Dort begann es vor faßt neunhundert Jahren, das große Wandern,

Die Suche nach Lebensraum, als stolz auszog euer Wagenzug,

In Freude und Fleiß zu bereiten das neue Land für den Pflug.

Im Vertrauen auf ein freies Leben, in dem fernen Lande,

Weit weg, dort im Süden, fern von der Nordsee grauem strande!

 

Die mühevolle Fahrt währte so lange, Jahre sogar!

So manches graue Haupt mußte neigen sich vor Gottes Altar.

Ihr gabt weiter die Hoffnung auf das schöne Land im Süden,

Auch wenn euch schwer fiel die Trennung von eueren Lieben hienieden.

Kreuze und Grabeshügel zierten am Wege eure Spuren,

Euren Nachkommen als Denkmäler gesetzt auf fremden Fluren!

 

Nur langsam kamt ihr voran mit eurem schweren Wagenzug,

Nebst Frauen, Kindern und Greisen, dieser auch euer Saatgut trug,

Über die feindliche Weiten wo stille standen die Zeiten.

Eure Not war sehr groß, es kam oft zu so blutigem Streiten!

Das gelobte Land war so weit, nach dem eure Kinder fragten,

Weit weg für alle lag es am Fuße der stolzen Karpaten!

 

Ein Land von Bergen und Täler, wo Meereswogen bis oben,

Umsprühten die Säulen der Walddome mit schattigem Bogen,

Wo Vöglein sangen und rauschte der Fluß im nassen Gewand,

Dann wild tosend stürzte ins tiefe Tal, über die Felsenwand.

Im Grunde verwurzelt, doch im Drang zum Licht in die Höhe strebt

Und sich vereint dienend fügt dem höheren was drüber Steht!....

 

Ein sehnlicher Wunsch, ein Traum gleich einer Fata Morgana,

Für euch sollte er werden, auf Erden, ein neues „Kaana.“

Die steinernen Zinnen im Abendhimmel golden Aufgebaut,

Sie winkten schon aus der Ferne so heimattreu und heimattraut.

Es riefen die Täler, die Berge, es lockten die wilden Höhn,

Welcher Mensch konnte dem heimischen Rufen widerstehn.

 

Verlassen habt ihr es das heimatliche Norddeutscheland,

Dort wo seit Zeiten die Wiege der Väter, eure Wiege stand,

Wo uralte Wälder umschlingen so traut den alten Rhein,

An den Hängen Reben wachsen und blüht der goldene Wein!

Das strahlende Nordlicht über Jahrtausend ins Haus schickt seinen Gruß,

In das Land der Germanen von dem einst schrieb Tacitius!

 

Nach weiser Beratung „im Thing“ begabt ihr euch auf die Reise,

Folgend dem Ruf aus Ungarland, der ausging von König Gayse.

Er, euch berief in sein Land als Grenzschutz, auch zur Landeswehr,

Gegen die feindlichen Horden der Tatren und Türkenheer!

In dem schönen Land das euch der Ungarkönig gab zum Lehen,

Sollten viele freie und blühende Siedlungen entstehen.

 

Nach langen Fahrten zogt ihr ein, in das verheissene Land,

Am Mieresch, am Alt, an den Kokeln, Zibin und dem Burzenland.

In den neuen Siedlungen wurde gerodet der alte Wald,

Von Broos bis Draas gewann manches Dorf mehr und mehr an Gestalt.

Diese zu machen schöner in Fleiß und Geist euch der König berief,

Eure Freiheit heilig verbürgte in dem „Goldenenfreibrief.“

 

Die Zeiten gingen dahin, euer Schaffen segnete Gott!

Beschützen mußtet ihr Weib und Kind als über euch kam die Not,

Im Wirbel der Völker die euch nicht gönnten Frieden, das Ruhn

Und über euch kamen zu zerstören euer friedliches Tun.

Brandschatzend wurde euer blühendes Land sehr oft durchzogen,

Doch euch half Glauben, Bruderschaft, das Land war euch gewogen!

 

Ihr bliebet beisammen im Glauben, Sitten, der Väter Brauch,

In Freude und Leid auch wenn euch verfolgte des Neides Gifthauch.

Treue hieltet ihr dem Volk, der Väter Sprache und Sitte:

„Eine feste Burg, ein starker Fels in tobender Feindesmitte.“

Zusammenhalten, Bruderschaft, und Eintracht die machten euch stark,

So bliebt ihr als Volk bestehen, wenn euch kein Leid blieb erspart!

 

Noch höher stiegen eure Burgen und wurden felsenfest,

Auf einsamer Höh thronen sie heute noch, wie ein Adlernest.

Sie dienten euch treu in Frieden und Not, sie wurden zur Wehr,

Im Kampf um die Freiheit, wenn euch bedrohte der feindliche Speer.

Burgen wurden gar viele gebaut, verstreut durch das ganze Land,

Nach den sieben stolzesten habt ihr‘s Siebenbürgen genannt!

 

Im Kampf um die Freiheit ging mancher Sachsengraf in den Tod

Ob er da hieß Hermann, Honterus, Brukenthal oder Roht.

Von Draas bis Broos, von Bistritz bis auf Klausenburgs stolze Höhn,

Hörte man all zu oft des Volkes Weinen, sein schmerzliches Flehn.

Es ging um den Frieden, die Freiheit und das Recht in neuen Heim,

Ihr wolltet nicht haben fremdes Gut: Der Knechtschaft sagtet ihr nein!

 

O, du mein Siebenbürgerland, du mein teures Heimatland!

Über Jahrhunderte mein Volk, meine Väter dort hielten Stand.

Sie alle wollten beschützen dich im Leiden, Krieg und Not,

Im Geist, in Kraft, bei Lebensgefahr, in Treue bis in den Tod.

Sie wollten nicht schmachten unter fremdem Joch, unter fremder Macht,

Doch ihr mutiger Kampf hat ihnen nur Neid und Leid gebracht!

 

Meine Ahnen, leben wolltet ihr in Frieden zusammen,

Ihr fragtet nicht nach Rasse, Nation, Religion nach Namen.

Bescheiden wared ihr, doch euer Fleiß füllte Keller, Scheunen,

Das Land war noch reicher und schöner, als ihr einst konntet träumen.

Euer Mut, die Treue und der Fleiß, der war allen wohlbekannt ,

Doch neidisch wurdet ihr von allen „Nemetzky“, die Fremden genannt!

 

Meine Ahnen, nichts konnte euch erschüttern ihr bliebt Fest!

Was nicht schafften die Zeiten, Tataren, Türken, tat die „Rote Pest.“

Sie zehrte an eurer Freiheit, fraß eure alten Wurzeln auf,

Ohne die heimische Scholle nahm das Verhängnis seinen Lauf!

Vertrieben wurdet ihr alle von dem väterlichen Erbgut,

So, wie man das nur mit Erzfeinden und Verrätern tut!...

 

Entwurzelt und verlassen, standet ihr nun am Wegesrand,

Von allen euren Freunden und den Nachbarn wurdet ihr verkannt!

Hart mußtet ihr es nun büßen, o welch ein großer Irrtum,

Warum, - weil, ihr euch durch all die Zeiten, habt bekannt zum Deutschtum.

Treue hieltet ihr dem Wahlspruch: „Fidem genusque servabo.“

Auch wenn um euch tobte der Zeiten schreckliches TOHUWABOHU.

 

M. M. Binder-Scholten

Karlsruhe-Neureut, Januar 1993

 

Dĕ Mengĕn

Frejt mech näh dĕ`Mengĕn!

Näd ärrĕr Harkunft, näh ärrĕm Hious,

Sa wundĕltĕn diårt, da Griußĕn uch Kliënĕn,

Änd gengĕn si fraudich än uch ious.

Da siën`ĕt!Da tråtz dĕr villĕn Mahn,

Uch hekt noch näh dĕr åldĕn Hïmĕt glahn!

 

Frejt mech näh dem Mengĕn!

Dem mir ïst innij vĕrtratĕn Iårt,

Di hïmĕsch-hiësch wa’åf Iërdĕn net fengrĕn,

Wä friuh‘ t Låchĕn ĕrklung ängdĕ fiårt.

Ĕt es diårt! Wä dĕ Wäldĕr sich wegdĕn,

Dĕ Berj uch’t Tol amschlångĕn sänkt Zegdĕn.

 

Frejt mech näh dem Mengĕn!

Dem Berj den meng Bläck säckt mët siëhnĕn,

Diårt wä dĕ Sånnĕstrohlĕn hïßĕr schengĕn,

Un dĕn Hengĕn sich Guldriëwĕn diëhnĕn.

Di es ĕt! Wä fraudichfriuh dĕt Liëwĕn quallt,

Hangĕr uch Durscht dĕr Harzĕn uch Sïlĕn stallt.

 

Frejt mech näh den Mengĕn!

Sa wundĕltĕn åf granĕn Maddĕn,

Diårt wä Jedĕr wiålkunn wår dĕ Sengĕn,

Ba Låst uch Späll äm kahlĕ Schadĕn;

Ba`m schwänkĕn dĕr Bechĕr mët gäldnĕm Weng,

Ba‘nĕm Spaß uch låstich Gĕplausch äm Mänscheng.

 

Frejt mech näh dem Mengĕn!

Dem Hious wä Mottĕr ïst wåcht mët Gĕduld,

Wä sa bĕreahicht hot dĕt Kängdĕr Grengĕn

Uch lechĕlnd bleackt än dĕt Wäjĕlund.

Dåt wår ĕt! - Ïst gĕbårjĕn äm Gortĕn,

Wä hekt dĕ Schadĕn vĕrgiëwĕns wordn.

 

Frejt mech näh den Mengĕn!

Mir laut`näh um Harz! Wåt es gĕschahn?

Wä sië`sĕ hekt da Griußĕn uch da Kliënĕn,

Vum dem åldĕn Hious es näst mih zĕ sahn!

Da Griußĕn uch Kliënĕn wä sië`sĕ bliwĕn,

Ious dem åldĕn Hïm wordĕ`sĕ vĕrdriwĕn!...

 

M. M. Binder-Scholten

Karlsruhe-Neureut, März 1993

 

Die Meinen

Fragt mich nach den Meinen!

Nach ihrer Herkunft, nach ihrem Haus,

Wo einst wandelten die Großen, die Kleinen

Und so fröhlich gingen ein und aus.

Jene sind es! Die trotz der vielen Mühen,

Auch heute noch der alten Heimat glühen!

 

Fragt mich nach dem Meinen!

Dem mir einst so innigtrauten Ort,

Der so heimisch-schön, wie auf Erden keiner,

Wo frohes Lachen erklang immerfort.

Jener ist es! Wo die Wälder sich weiten,

Berg und Tal fest umschlingen seit Zeiten.

 

Fragt mich nach dem Meinen!

Dem Berg den mein Blick sucht mit Sehnen,

Dort wo die Sonnenstrahlen heißer scheinen,

An den Hängen die Goldreben stehen.

Jener ist es! Wo freudenfroh das Lachen quillt,

Hunger und Durst der Herzen und Seelen stillt.

 

Fragt mich nach den Meinen!

Sie wandelten auf grünen Matten,

Dort wo jeder willkommen war den Seinen,

Bei Lust und Spiel im kühlen Schatten;

Beim schwenken der Becher mit goldnem Wein,

Und manch heiterem Plausch im Mondschein.

 

Fragt mich nach dem Meinen!

Dem Haus wo Mutter am Herde stand,

Wo sie einst stillte des Kindes Weinen

Und lächelnd blickte in das Wiegenland.

Jenes war es! Einst geborgen im Garten,

Dort, heute vergebens die Schatten warten.

 

Fragt mich nach den Meinen!

Mit liegt`s am Herzen so nah was geschah.

Wo sind sie jetzt die Großen, die Kleinen?

In dem alten Haus ist keiner mehr da!

Wo sind die Großen, die Kleinen geblieben,

Aus ihrer Heimat wurden sie Vertrieben!...

 

M. M. Binder-Scholten

Karlsruhe-Neureut, März 1993

 

(c) M. M. Binder-Scholten, geschrieben in Karlsruhe 1998