Lebens Bilder


Karlsruhe 2010

Motto:
"Unsere Sprache ist eine Summe
von austauschbaren Wörtern."
Kären Sörensen
 

Vorwort

Kären Sörensen wiederholte den folgenden Satz so oft sich ihr eine Gelegenheit dazu bot, sie hatte recht: "Unsere Sprache ist eine Summe von austauschbaren Worten." Was könnte man einem solchen Satz noch hinzufügen? Wörter, Wörter und Sätze, aber ändern würde es die Behauptung des zitierten Satzes nicht!
Wenn wir sprechen oder schreiben was könnten wir noch gebrauchen außer den Wörtern, welches die Grundbausteine der Menschlichensprache sind! Sie stehen uns zur Verfügung, aber wir müssen es lernen mit diesen Bausteinen umzugehen und dieses ist leichter gesagt als getan. Das sind doch nur aneinandergereihte Wörter meint so mancher gleichgültig, ja, aber jede von diese Zusammensetzungen oder Reihenfolgen soll auch einen gewissen schriftlichen oder mündlichen Sinn ergeben für unsre Gegenüber ansonsten bleibt unser Gerede bloß ein unverständliches Gebrabbel. Wenn das so wäre, dann wäre es Zeitverschwendung oder noch schrecklicher, die Menschen könnten sich untereinander nicht mehr verständigen, uns, aber, verständlich machen, daß hängt von jedem einzelnen ab.
So mancher Redner kleidet das was er sagen möchte, dieselben Begriffe, in schöne Worte; er gebraucht alle möglichen literarischen Mittel, die ihm zur Verfügung stehen. Nichts ist ihm zuviel, nichts ist ihm zuwenig! Er betrachtet sich als Künstler und scheut vor nichts zurück. Aus seinen Helden macht er Puppen und umgekehrt; alles muss nach seinem Denken und Wollen tanzen, je nach der zugeteilten Rolle: Einmal sind sie Helden, dann sind sie Clowns, wer aber zu oft eine solche Sprache gebraucht, der kann ihr leicht verfallen, denn es ist eine künstliche Sprache, die einen von der Wirklichkeit entfernt, ob diese süßlich oder beizend ist, so bleibt sie dennoch gekünstelt. Die Wirklichkeit ist eine andere, oft ist sie hart, bitterhart, aber sie bleibt dennoch Wirklichkeit, denn mit und in ihr müssen wir leben so wie sie eben ist. Es ist unsere Welt und eine andere haben wir nicht, darum lasst uns etwas Schönes daraus machen: Wissen soll durch Bilder vervollständigt werden, um den Nachkommen das Gestern über das Heute für die Zukunft weiterzugeben. (allg. Wissen). Die richtigen Sätze, nach Inhalt und Form zu finden, ob diese mündlich oder schriftlich sind, daß ist nicht so leicht wie gedacht. In meiner fast vierzig Jahre langen Tätigkeit als technisch-wirtschaftlicher "Bauanlagen und Montage" Beamte, auf verschiedenen Baustellen des Landes, habe ich das oft erlebt, weil schreiben und schreiben nicht immer dasselbe ist. Es ist eine Sache, wenn ein Vorgesetzter verlangt einen Tätigkeitsbericht zu erstellen und etwas ganz anderes ist es dann, wenn derselbe Vorgesetzte ein Referat über diese oder jene Person verlangt. Ein psycho-moralisches Porträt über diese oder jene Person zu erstellen, daß verlangt vom Ersteller Verantwortung und Gewissenhaftigkeit, daß aus seinem Referat das hervorgeht was die betreffende Person auch wirklich charakterisiert. Viele Worte bei einem derartigen Porträt zu verlieren, kann oft mehr Schlimmes anrichten als eine mündliche Verleumdung. Das lateinische Sprichwort sagt: "Verba volant, scripta manet"...
Schon in meiner Kindheit, gleich nachdem ich Lesen konnte, hatte ich oft das Gefühl, bei dieser oder jener Lektüre, mit offenen Augen zu träumen. Auch in meiner Vorschulzeit erzählten Mutter oder Vater verschiedene Geschichten und Märchen, aber bei einer kinderreichen Familie wie die unsrige war, fand sich immer weniger Zeit für solche Freudenstunden, insbesondere vor- und nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Freudenstunden im allgemeinen ein seltenes Geschenk, weil man in kinderreichen und armen Familien nicht einmal daran denken konnte. Solche Familien gab es in der Zeit sehr viele, denn sie waren alle ein Produkt des Krieges. Schon eine Tasse Tee mit Zucker wurde damals als ein besonderes Geschenk angesehen.
Im September 1940 begann meine Schulzeit. Für mich war es eine echte Freude Schüler in der ersten Klasse der Grundschule oder Volksschule aus meiner Heimat-Gemeinde zu sein. Endlich konnte ich mehr lernen als Geschichten und Märchen zu lesen.
In den ersten Tagen und Wochen lernten wir so zu sagen lesen und schreiben, weil die meisten Kinder, außer den Buchstaben aus dem Wort "Mama" nichts mehr kannten, aber die größte Schwierigkeit für die meisten Kinder war eigentlich die Unterrichtssprache, denn diese schien noch schwerer zu sein als die rumänische Sprache, welche wir spielend, von den Nachbarkindern, auf der Gasse gelernt hatten.
Der Unterricht in Schrift- oder Hochdeutsch kam einer Fremdsprache gleich, weil im Allgemeinen, in allen Landgemeinden die Sächsische Mundart gebraucht wurde und auch diese von einem Dorf zum Dorf ganz verschieden war. In den Familien gab es kein Interesse mit den Kindern Hochdeutsch zu sprechen. Die Bauern brauchten in ihren Wirtschaften tatkräftige Hilfe, Gelehrte oder Geschulte konnten sie entbehren!
Der Fortschritt in der Aneignung des vorgesehenen Lehrstoffes ging schleppend voran. Die Kinder lernten die Buchstaben allmählich kennen, sie konnten viele Wörter buchstabieren, diese aber zusammenhängend lesen oder aussprechen, das war auch nach dem ersten Vierteljahr unmöglich, ausgesprochen wurden alle Wörter in Sächsischer Mundart. Es gab auch Fälle wo die Kinder eher das Rumänische mit dem Sächsischen mischten als Deutsch zu sprechen. Das Umdenken fiel den Kindern nicht leicht. Sie lebten in einem Umfeld wo niemand Hochdeutsch sprach und darum brauchten sie etwas mehr Zeit. Die älteren Generationen konnten sich mit der Umstellung auf Hochdeutsch kaum zurecht finden. Sie lebten in der Vergangenheit, als man höchsten drei Klassen in Sächsischer Mundart lernte, die Frauen gingen gar nicht zur Schule: Die zukünftigen Hausfrauen brauchten Aussteuer nicht Schule.
Um das Lernen etwas leichter zu gestalten, mussten die Lehrer uns erst das Lesen und Schreiben in Hochdeutsch bei bringen. Auf diese Weise wurden solche Stunden am Anfang des Schuljahres, mehr Unterhaltungs- als Lernstunde, es machte Spaß und sollte später auch dienlich sein.
Während andere Kollegen und Kolleginnen sich mit der Aussprache schwer taten, las ich kürzere oder längere Geschichten aus der "Blauband-Bücherrei", welche mir der Lehrer zustellte. Aus der Schulbibliothek habe ich viele Bücher gelesen, insbesondere ab der vierten Klasse als Pfarrer Michael Viktor Knall unser Lehrer wurde. In den zwei letzten Schuljahren hatte er mir die meisten Bücher aus seiner eigenen Bibliothek ausgeliehen und sagte wiederholt zu mir: "He, Binder /Kantĕr, tea miëst wegtĕr studïrĕn." Doch in der unsteten Zeit meiner Kindheit konnte man keine Zukunfts-Pläne machen.
Nachdem ich die Grundschule beendet hatte, brauchten die Eltern Hilfe in der Wirtschaft, aber mich beschäftigten andere Gedanken. Die Zeit verstrich, mehrere von meinen Klassenkollegen, gingen in andere Ortschaften um irgendeine Schule zu befolgen, ich musste zu Hause bleiben! Aber die Frustration ließ mir keine Ruhe. Immer wieder summte die quälende Frage in meinen Gedanken: Was mache ich, ich muss etwas lernen?
Ein Jahr darauf verdüsterte sich der Horizont meiner Zukunft noch mehr. Nach den Schulreformen von 1948 wurden mehrere Gesetze verabschiedet deren Verfügungen gewisse Sozialschichten schwer trafen, weil ihnen das Recht, verschiedene öffentliche Schulen zu befolgen, aus politischen Motivationen aberkannt wurde. Zu diesen zählten die gut stehende Bauern, Privatunternehmer, höhere Beamte, Offiziere der alten Garde, ältere Professoren, Pfarrherren und andere die man als Kapitalisten und Klassenfeinde bezeichnen konnte.
Ab 1945 als das Rote Regime an die Macht gelangte, waren Arbeiter- und Bauernsöhne gefragt, diese sollten im Sinne des Marxismus und Leninismus zu neuen Menschen erzogen werden. Also: "Kein Zugang für Söhne und Töchter der Klassenfeinde mit unsauberen Westen und ungesunder sozialer Herkunft"...
Nach alter Tradition, die unter den Lehrern auf dem Land gut bekannt war, ging jeder Dorflehrer auch einem Handwerk nach, welches er mehr oder weniger ausübte um den Unterhalt seiner Familie zu sichern. In unserer Familie, die schon seit dem 18. Jh. unter dem Beinamen Binder /Kanter/ bekannt war, zum Unterschied von den anderen zehn Familien aus der Gemeinde, hatte sich mit der Zeit das Bauhandwerk etabliert so wie es mein Ur-urgroßvater gelernt und ausgeübt hatte: Nämlich ein Haus in Auftrag zu nehmen und fertig zu stellen! Den vorhandenen Urkunden nach, war mein Urgroßvater der Letzte Lehrerlehrling aus der Familie; 1848 ging er nach Schönau, an der Kleinen Kokkel, zu einem älteren Lehrmeister in die Lehre, aber 1949 vertrieben in die dramatischen Geschehnisse der sich ausweitenden Revolution.
Das vom Ururgroßvater etablierte Bauunternehmen entwickelte sich zu einem Familienunternehmen und wurde später vom Vater dem Sohn übergeben. Vater hatte es als letzter weiter geführt, aber nach 1945 konnte man sich als Privatunternehmer immer schwerer behaupten. Alles begann mit kleinen Schikanen und endete mit einer erdrückenden Gewerbebesteuerung. Er musste aufgeben, aber das "Brandmal" des Kapitalisten und Klassenfeindes hat ihm niemand abgenommen. Das Kommunistische Regime akzeptierte keine politische Rehabilitation, es ging radikaler vor, bis zur Eliminierung!
Ohne Arbeit gab es kein Einkommen und in kurzer Zeit konnte man auch mit Geld nichts mehr anfangen. Nach ein paar Versuchen unangemeldet im Baufach weiter zu arbeiten, gab Vater es auf, denn die Fiskus-Inspektoren waren überall und die Strafe für Steuerunterschlagung war schon immer sehr hart. In den Jahren 1947 bis 1949 war die Inflation unerträglich. Die notwendigsten Waren verteuerten sich von einem Tag zum andern, auch wenn man zehn oder noch mehr Millionen mit sich schleppte, sie hatten keinen Wert. Die billigsten Zigaretten kosteten 5000 Lei die Packung, ein Viertelweizen (ca. 14 kg) kosteten 1,5 bis 2,0 Millionen.
Vater war Not gezwungen sich in irgendein Staatsunternehmen als Arbeiter einzustellen, denn ab 1950 waren schon die meisten Güter oder Waren rationalisiert und ohne Kartelle gab es kein Brot, kein Öl, keinen Zucker, keine Schuhe und keine Kleider! Gleiche Brüder, gleiche Kappen!
Als wir mit der ganzen Familie 1952, nach Hermannstadt umzogen, war es wie eine Erlösung für uns alle. Die Anpassung an die neue fremde städtische Umwelt war für keinen von uns leicht. Wir mussten das Paradies unserer Kindheit verlassen. Anstatt der frischen grünen Wiesen und Gärten mussten wir uns an staubige gepflasterte und enge Gassen gewöhnen, anstatt des Hammerberges und des Wolfenberges mit dem Wehrwald hatten wir mehrstöckige Häuser um uns, anstatt des großen Hofes mit dem Maulbeerbaum hatten wir eine enge Gasse und drei uralte Eichen vor unseren Fenstern, anstatt aus den Fenstern unserer Wohnung auf einen Blick den ganzen Dorfkern zu erfassen, sahen wir nur Schuhe die täglich vorbeizogen, weil unsere erste Wohnung in Hermannstadt eine Kellerwohnung war, aber wir vertrösteten uns selbst, denn wir waren damals nicht die einzigen, welche das Stadtleben auf diese Weise kennen lernten.
Der Zufluss der verarmten mittellosen Massen aus den Landgemeinden nach der Enteignung ab 1945 und 1948 glich einem Exodus. Alle suchten einen Arbeitsplatz in der Stadt um den Unterhalt ihrer Familien zu sichern und den fanden die Sachsen, den sie waren nicht nur Landbauern, jeder von ihnen kannte nebenbei auch dieses oder jenes Handwerk und der neue Aufschwung in den Städten riss sie alle mit. Auch wenn sie in den Kellern alter Wohnhäuser leben mussten, der Anfang war geschafft, man konnte aufatmen!
Wenn ich am Abend gedankenversunken durch die Gassen der Stadt schlich, wunderte ich mich als junger Mann oft: Nun sieh mal an, auch in diesem muffigen Kellerloch wohnen Leute mit kleinen Kindern! In solchen Momenten sehnte ich mich wahnsinnig nach unserem Hof mit dem Maulbeerbaum, nach unseren Gärten, nach dem Wolfenberg mit dem Wehrwald, in dessen hohen Baumkronen ich mich von dem sanften Nachmittagwind schaukeln liess, währenddessen Nero, unser Hofhund unten auf mich wartete...
Ja, es gab auch viele schlechtere Wohnungen in der Stadt als unsere, dort im Erdgeschoß eines großen Hauses aus der Al. D. Gasse der Oberstadt. Wir waren froh, daß wir mehr Glück hatten wie andere Familien. Wir hatten ein großes Zimmer wo unsere große Familie Platz gefunden hatte, dazu die Küche wo mit Erdgas geheizt wurde, also kein Brennholz mehr und nebenan war die gemeinsame Waschküche wo wir in Ruhe baden konnten so oft wir dazu Lust hatten, ohne das viele Wasser vom Grannabrunnen anzuschleppen. Aber der glücklichste von uns allen war Bruder Robert Peter, damals knapp drei Jahre jung. Jedesmal wenn jemand aus unserer Heimatgemeinde zu Besuch kam, stieg er auf einen Stuhl, drehte den Wasserhahn auf und sagte stolz: "Schau Tante oder Onkel hier ist unser Grannabrunnen"!
Das Jahr 1953 war das Zweite seit ich die Schuhe der Adoleszenz irgendwo verloren hatte, wie eine alte Haut. Dem Gesetz nach war ich erwachsen, aber war ich auch Reif für das zukünftige Leben. Das war von nun an eine dringliche Frage die mich überall begleitete: Mein persönlicher Werdegang beschäftigte mich mehr und mehr, aber ich war so schüchtern und leichtgläubig wie Simplizius Simplizisimus zu seiner Zeit. An wenn soll ich mich Wenden? Das war eine Frage die mich auch in der Nacht beschäftigte und quälte...
In meiner Verzweiflung wurde mir bewußt, wie unvorbereitet ich eigentlich für das wirkliche Leben war, insbesondere für das Leben in einer Stadt, die sich in einem ständigen Wandlungsprozess befand. Ein weiser Mann sagte: Es gibt Momente im Leben in denen man sich zu erst mit der Vergangenheit auseinandersetzen muß, um Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen. Weise Worte, aber wo fange ich an? Doch mein Glück im Unglück bleibt ein unvergessliches Erlebnis!
Trotzdem unsere Wohnung schon für unsere Familie viel zu klein war, brachte Vater im Sommer 1953 einen Mann mit und sagte: "Meine Lieben, das ist Herr Mihu Nicolaie, unser Untermieter für kurze Zeit." Die Überraschung war groß, aber bedauert, hat es später niemand aus unserer Familie. Herr Mihu Nicolae war anpassungsfähig und anspruchslos wie es sich einem Theologen geziemet. Als Griechisch-Katholischer Priester führte er ein fasst asketisches Leben. Für mich ist dieses Jahr unvergesslich geblieben, weil der liebe Gott mir einen Berater und Geistigenbruder ins Haus geschickt hatte. Mit der Zeit lernten wir uns besser kennen, ich überwand meine Schüchternheit und ließ mich, im vollen Vertrauen, von ihm beraten. Nach einiger Zeit sagte er: "Mathias ich kennen deine Sorgen und Wünsche. Als erstes musst du weiter lernen, denn mit sieben Klassen kommst du nicht voran. Dieses Jahr ist es vielleicht schon zu spät für das "Abendgymnasium", doch du kannst etwas anderes machen, als eine Vorübung. Geh in die "Volkskunstschule" damit du dich wieder an das Schulleben anpassen kannst"...
Es gab auch Momente wo ich gegen meine Fragen ankämpfte, sie zu verdrängen versuchte, tief in mein Unterbewußtsein wo sie für immer untertauchen konnten. Mein Sein hätte es vielleicht geschafft, denn seit meiner frühen Kindheit war Herr Verzicht mein ständiger Begleiter. Schon seit meinem Geburtsjahr, während des Krieges und danach bis in die 1950er Jahre gab es genügend Gründe dazu. Aber ein lang anhaltender Verzicht führt unausweichlich zur Frustration, die einem sogar die Lust am Leben vergällt, denn Lust und Frust vertragen sich wie Feuer und Wasser...
Nachdem ich das Abendgymnasium befolgte und das Abitur geschafft hatte wollte ich studieren, aber immer wieder klopfte ich an verschlossne Türen an. Als der politische Druck etwas lockerer wurde, konnte ich endlich das Technikum für "Bauanlagen und Montage" befolgen und wurde 1960 einem Bauunternehmen aus Kronstadt (Brasov) zugeteilt...
Auf verschiedenen Baustellen, für Bauanlagen und Montage, des Landes (Ro), war ich über vierzig Jahre tätig, in der Abteilung für, "Arbeitsplanung und Vorbereitung, Lohn und Gehalt sowie Personalwesen (O.M.), wo ich für verschiedene wirtschafts-technische Probleme verantwortlich war.
Ab 1. Juli 1990 konnte ich endlich in Rente gehen. Nachdem politischen Umbruch von 1989 hatte sich alles geändert und für die meisten aus der alten Generation war es an der Zeit zu gehen. Im Rentenalter gab es keine Aussicht weiterzuarbeiten, also wandte ich mich wieder an die Musen, aus deren Hörsälen ich so lange weggeblieben war. Doch sie waren gnädig und nahmen mich wieder auf. Nan hatte ich eine Beschäftigung und die Zeit wurde erträglicher: Lesen und Schreiben füllte meine freie Zeit völlig aus!
Der Gedanke meine Erinnerungen zu schreiben beschäftigte mich schon seit längerer Zeit, aber während meiner Tätigkeit auf der Baustelle, war meine freie Zeit schon immer Knapp. Also musste ich diesen Gedanken oft verdrängen, aber vergessen habe ich diesen niemals. Es gab auch Momente wo eine gewisse Scheu vor der Vergangenheit mit manchmal verunsicherte und dennoch habe ich gleich nach meiner Pensionierung diesen Gedanken wieder aufgegriffen, mit dem festen Entschluss ihn auszuweiten. Bevor ich dieses Vorwort abschließe füge ich noch folgendes Zitat hinzu, es stammt aus dem Buch "Das geschändete Antlitz" Dick Quwenij:
"Wenn euer Kind schweigt, weint es. Denn es schweigt nicht, weil es nichts zu erzählen hat, es schweigt, weil es zu viel zu sagen hat. Aber es fürchtet euere Antwort, eine unverdiente Rüge, die sein Gewissen und dadurch seine kostbare Kinderfreude stören wird. Kein Ärgernis geht von euch aus, aber wer von euch wagt es zu sagen, er verdiene es nicht, daß ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt werde, weil keiner Ursache und Beginn dieses Schweigens kennt."!

Karlsruhe, Januar 2010


(c) M. M. Binder-Scholten, Karlsruhe 2010